Die unendliche Wiederkehr der Zeit
In der Mayakultur ist der Kalender ebenso wichtig für die Zeitrechnung wie für das Wohlbefinden des
Menschen.
Die Hüter der antiken Mayakultur sind gleichzeitig bemerkenswerte Astronomen und Mathematiker. Fasziniert
vom Fortschreiten der Zeit und dem Geheimnis der Ewigkeit berechnen sie mit äusserster Genauigkeit den Gang
der Gestirne, vor allem die Position der Sonne und des Mondes - ihres Vaters und ihrer Mutter.
Sie beobachten, dass die Natur zahlreiche Zyklen regelmässig wiederholt: Licht und Dunkel, Trockenheit und
Regen, Wärme und Kälte usw.
Dank den kalendarischen Berechnungen der Priester-gelehrten gelingt es so unter anderem, den für das
Überleben wichtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte der täglichen Nahrung zu bestimmen.
Traditionsbewusste Mayas messen die Zeit auch heute noch mittels zweier verschiedener Kalender, dem Tzolkin
und dem Haab.
Der Tzolkin, der Ritual- und Wahrsagekalender, umfasst 260 Tage - die Dauer einer Schwangerschaft.
20 Tage, jeder Tag durch eine Glyphe dargestellt, werden je mit einer Zahl von 1-13 verbunden. So wiederholt
sich die gleiche Zahlenkombination nach Ablauf von 260 Tagen.
Jeder Tag hat seine eigene Bedeutung und gibt dem Menschen wichtige Informationen für sein Verhalten.
Der Haab, der Jahreskalender, umfasst 365 Tage, 18 in 20 Tage unterteilte Monate und fünf besondere
Zusatztage.
Nach 52 Haab-Jahren wiederholt sich die Übereinstimmung zweier Tage im Tzolkin und im Haab.
Das zyklische Wiederkehren der Tage symbolisiert die stete Wiederholung von Kommen und Gehen. Aus Mais
gemacht, geht der Mensch nach dem Tod zurück zur Erde, er wird wieder Mais.

Die Maya-Kosmovision
- ein alternatives Denkmodell
Selbstbewusst gewordene Mayas der verschiedenen Volksgruppen kämpfen heute unter anderem auch darum, dass
ihre Kosmovision, ihre Sicht des Weltalls als alternatives Denkmodell wahrgenommen wird.
Kosmos bedeutet ursprünglich auch Ordnung.
Die Kosmovision ordnet die kleinsten und die grössten Dinge, vom Keimling bis zum Spiralnebel.
Sie verbindet die materielle sowohl mit der gedanklichen, wie auch mit der spirituellen Ebene und erkennt so
eine Vielzahl von Zusammenhängen, denn alles steht in einer ganz bestimmten Beziehung mit allem anderen.
Im Kosmos ist der Mensch Teil eines unermesslich grossen Ganzen.
Er steht nicht über den anderen Elementen der Schöpfung, er steht auf der gleichen Ebene wie sie; er bildet
mit ihnen eine sich im Gleichgewicht befindende, allumfassende Gemeinschaft.
So erklärt sich der tiefe Respekt der Mayas gegenüber der Madre Tierra, der Mutter Erde. Die Menschen haben
das Recht all das zu brauchen, was sie zum Leben benötigen, sie sind jedoch nicht Herren der Erde.
Der gleiche Respekt kommt auch gegenüber den Mitmenschen zum Ausdruck.
In der traditionellen Mayagesellschaft ist das Kollektiv wichtiger als der Einzelmensch.
Die Gemeinschaft ist sich jedoch bewusst, dass der Beitrag jedes Einzelnen wichtig ist und schätzt deshalb
dessen Individualität hoch ein.

Keine kulturelle Identität ohne eigene Sprache
Nach der Eroberung Guatemalas unternahmen die Spanier altes, um die als heidnisch betrachtete Kultur der
Maya auszurotten.
Sie vernichteten systematisch die heiligen Schriften, welche Vorhersagen der Priester, astronomische
Berechnungen und die Darstellung des Kalenders enthielten.
Nur vier sogenannte Codices, alte Handschriften, sind übriggeblieben, lange Streifen von gefaltetem
Rindenpapier. Die Schreiber malten auf eine dünne Kalkschicht Glyphen. Heute wissen wir, dass die
Schriftzeichen zum Teil ganze Worte, zum Teil einzelne Silben bezeichnen.
Im heutigen Guatemala existieren 20 Maya-Sprachen. Zwar basieren alle auf demselben Ursprung. Dennoch
bestehen grosse Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Angehörigen der einzelnen Völker. Je mehr
Indigenas ihre angestammten Gemeinschaften verlassen, desto grösser sind die Verluste für die
ursprüng-lichen Sprachen, die nach und nach durch Spanisch, die Landessprache der Eroberer, ersetzt werden.
Führende Vertreterinnen und Vertreter der modernen Maya- Bewegung erkennen, dass Angehörige einer
unter-drückten Kultur nur dann erfolgreich Widerstand leisten, wenn sie selbstbewusst zu allen Werten stehen,
welche ihre Identität ausmachen.
So hält der 1996 unterzeichnete Friedensvertrag fest dass die Sprache wichtig ist für das Überleben der
Maya--Kosmovision und die Weitervermittlung ihrer Werte:
«Alle in Guatemala gesprochenen Idiome verdienen die glei-che Achtung. Es müssen Vorkehrungen getroffen
werden, damit die indigenen Idiome ihre Bedeutung wiedererlangen, ihre Entwicklung gefördert wird, so dass sie
wieder vermehrt gesprochen werden.»

Indigene Bevölkerung als Opfer westlicher Konzepte von Landbesitz
Die extreme Landkonzentration durch die gewaltsame Vertreibung der indigenen Bevölkerung beginnt in
Guatemala mit der Kolonialisierung im Jahr 1524. Land, Bodenschätze, die landwirtschaftliche Produktion und
die Arbeitskraft der Bevölkerung gingen damals als Kriegs-beute in den Besitz der spanischen Krone über.
Diese vergab Ländereien samt den darauf lebenden Menschen an Gefolgsleute, welche das Land für den Anbau von
Exportprodukten wie Kakao, Baumwolle, Tabak und Zucker nutzten und die indigenen BewohnerInnen mit
Zwangs-arbeit ausbeuteten.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen vorwiegend deutsche Siedler mit dem grossflächigen Anbau von Kaffee.
Dadurch wurden vor allem die im Hochland lebenden Indígenas vom Landraub betroffen.
Weil sie, wie viele indigene Völker keinen individuellen Bodenbesitz kannten, galt ihr Land als «herrenlos».
In der Zeit der wechselnden Militärdiktaturen wurden noch bestehende traditionelle Gemeinschaftsländereien
der Indígenas systematisch enteignet.
Kaffee und das weitere Exportprodukt Bananen benötigten riesige Anbauflächen und grosse Mengen billiger
Arbeitskräfte. Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der Einführung des sogenannten «Gesetzes gegen
die Landstreicherei»: Alle, die weniger als 2,6 Hektaren Land besassen, wurden gezwungen, auf den Kaffee- oder
Bananenplantagen oder in staatlichen Bauprojekten zu arbeiten.
Erst 1952 setzte der in freien Wahlen gewählte Präsident Jacobo Arbenz ein Gesetz zur Landreform durch.
Schon ein Jahr später wurden 16% der brachliegenden Agrarflächen enteignet und zusammen mit staatlichen
Ländereien an über 100'000 Familien verteilt. Betroffen von den Enteignungen war nebst guatemalteki-schen
Grossgrundbesitzern auch das US-Bananenimperium United Fruit Company.
Aus diesem Grund inszenierte der US-Geheimdienst CIA mit Wohlwollen der guatemaltekischen Grossgrundbesitzer
und des konservativen Militärs einen Putsch. Die Regierung Arbenz wurde zum Abdanken gezwungen und die
begonnene Landreform rückgängig gemacht.
Das Scheitern der Landreform bewirkte eine Stärkung der Grossgrundbesitzer und die Zementierung des
Landproblems.
Die indigene Bevölkerung begann daraufhin, sich zu organisieren und für eine andere Landverteilung zu
kämpfen. Dies war ein Grund für die staatliche Repression und einen 36 Jahre Langen Bürgerkrieg, der mit dem
Friedensab-kommen von 1996 formell zu Ende ging.
Boden unter die Füsse aller,
statt Land in den Händen weniger!
«Der Schrei nach Land ist zweifellos der lauteste, der in Guatemala zu hören ist.» So beginnen die
katholischen Bischöfe ihren Hirtenbrief von 1988.
«Er dringt aus der Brust von Millionen Menschen, die sich zutiefst mit der Scholle, der Saat und der Ernte
verbunden fühlen. Sie werden vom Land vertrieben und durch eine Situation der Ungerechtigkeit und Sünde
gehindert in ihre fruchtbaren Erdfurchen zu tauchen. Sie gleichen Fremdlingen im Land, das ihnen Jahrtausende
gehörte.»
Heute ist die Landfrage aktueller denn je. Zwar ging der jahrzehntelange Bürgerkrieg, der 150'000 Tote
gefordert hatte, 1996 zu Ende.
Aber die eigentliche Ursache des Krieges, die ungerechte Verteilung des Bodens, die Diskriminierung der
indianischen Bevölkerung und die extreme Armut existieren nach wie vor. Der landesweite Konflikt um die
Verteilung des Bodens, wurde durch die Rückkehr der vielen Bürgerkriegsflüchtlinge noch verschärft. Ihr
Land war in der Zwischenzeit zu einem grossen Teil an andere Familien verteilt worden.
Eine halbe Million Kleinbauernfamilien sind heute ohne Land.
Gut 2% der Bodenbesitzer kontrollieren 70% des Landes. Ein Drittel des fruchtbaren Bodens wird nicht bebaut.
Die Agrarbourgeoisie aber wehrt sich gegen eine wirksame Landreform und gegen eine rasche Umsetzung der
Abkommen aus dem Friedensschluss. So bleibt den indianischen und bäuerlichen Organisationen oft nur das Mittel
der Landbesetzung.

Das Land denen, die es bebauen!
Die ungerechte Landverteilung und die Ausbeutung der LandarbeiterInnen auf den grossen Fincas waren
wesent-liche Gründe, die zum Bürgerkrieg geführt hatten.
Und sie sind auch heute, zwei Jahre nach dem Abschluss der Friedensabkommen, Ursache der extremen Armut der
ländlichen Bevölkerung und der ungerechten sozialen Verhältnisse.
Zur Durchsetzung ihrer Rechte und zum Überleben ihrer Familien besetzen indigene Bauern und Bäuerinnen
immer wieder das Land, das ihnen in der Vergangenheit geraubt worden war.
Unterstützt werden diese Landkämpfe von Campesino-Organisationen.
Seit gut 6 Jahren kämpfen zum Beispiel die Bewohnerinnen von San Jorge La Laguna am Atitlán-See für ihr
Land, das ihnen eigentlich seit Jahrhunderten gehört. Durch einen Betrug hatte sich ein Ladino als Eigentümer
von 270 Hektaren des Landes eintragen lassen. Als die Bewohner von San Jorge La Laguna 1992 vernahmen, dass der
heutige «Landbesitzer» auf ihrem Land ein Touristikzentrum plant und damit ihre Mayakultur völlig zerstört
würde, gingen sie mit ihren Urkunden zu Regierungsstellen und Gerichten, erreichten aber nichts. Darauf
besetzten sie das Land und wurden gewaltsam vertrieben. 1993 wurde ein weiteres Gesuch abgelehnt. Die
Begründung: sie bräuchten kein Land für ihren Lebensunterhalt, denn sie könnten Arbeit als Köche,
Zimmermädchen, Küchenangestellte finden. Die Leute von San Jorge La Laguna waren also bereits als Personal
für das projektierte Touristikzentrum eingeplant worden.
Heute besetzen 500 Familien zusammengedrängt ein Stück Land von ca. 10 ha, welches für die Erschliessung
des Touristikprojekts unumgänglich ist. Sie versuchen ausserdem, auch auf Grund der Verfassung zu ihrem Recht
zu kommen.
Unterstützt in ihrem Kampf werden sie von CONIC.

Jahre der Angst und des Schreckens
In Guatemala sind im Verlauf der letzten vier Jahrzehnte Hunderttausende Menschen gefoltert, ermordet und in
die Flucht getrieben worden. Andere sind einfach verschwunden. Die meisten von ihnen waren Indígenas. Hinter
diesen Taten standen in den meisten Fällen militärische und paramilitärische Organisationen.
Wie kam es zu diesen Gräueltaten und zum 36 Jahre dauernden Bürgerkrieg?
In den 60er und 70er Jahren wuchs der Widerstand der indigenen Bevölkerung gegen die Ausbeutung durch
Grossgrundbesitzer. Gleichzeitig wurden auf bis dahin noch nicht urbar gemachtem Land Landwirtschaftliche
Genossenschaften aufgebaut.
In den Provinzen Quiché, Alta Verapaz und Petén entstanden so Lebensräume für über 130'000 Menschen und
ermöglichten einen bescheidenen Wohlstand. Doch dieser Wohlstand und der sich rührende Widerstand wurden
brutal unterdrückt.
Nachdem anfangs der 70er Jahre multinationale Firmen bei der Suche nach Bodenschätzen vergeblich Anspruch auf
Land von Bauern erhoben hatten, wuchs die gewalttätige Repression gegen die indigene Bevölkerung. Die Armee
nutzte das Auftauchen kleiner Guerillagruppen als Vorwand, um immer brutaler gegen die Zivilbevölkerung
vorzugehen.
Morde an Bauernführern, Entführungen, Folterungen und Vergewaltigungen wurden immer häufiger.
Unter dem Vorwand der Aufstandsbekämpfung begann 1982 der «Krieg der verbrannten Erde»:
Mehr als 120'000 Menschen wurden ermordet, weit über 100'000 mussten flüchten, bis zu einer Million wurden im
Landesinnern vertrieben. 100'000 Waisen und 40'000 Verschwundene sind Opfer der staatlichen Repression
geworden. Über 400 Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Auch in den Städten wurden Tausende von Menschen, Gewerkschaftsführer, Studentinnen, Politiker und
Journalistinnen ermordet, ins Exil gezwungen und zum Schweigen gebracht.
Bis heute sind in Guatemala Menschen gefährdet, die sich für den Kampf um soziale Gerechtigkeit einsetzen.

«Guatemala: Niemals wieder!»
Nach jahrelangen zähen Friedensverhandlungen wurde 1996 -- nach 36 Jahren Bürgerkrieg - in Guatemala-Stadt
das «Abkommen für einen festen und dauerhaften Frieden in Guatemala» von der Regierung und der Guerilla
unterzeichnet. Die Umsetzung der einzelnen Kapitel des Abkommens, die sich mit den Folgen und den Ursachen des
Krieges befassen, verläuft eher zögernd.
Die «Kommission zur Ermittlung der historischen Aufklärung der Menschenrechtsverletzungen» nahm ihre
Arbeit - unter Schirmherrschaft der UNO - 1997 auf. Bis heute konnten aber nur 9000 Zeugenaussagen
zusammengetragen werden.
Die Armee hat sich bisher beharrlich geweigert, der Kommission ihre Archive zu öffnen.
Auch die katholische Kirche Guatemalas beteiligt sich aktiv am Prozess der Wahrheitsfindung.
Von 1995-1998 hat sie in akribischer Kleinarbeit mit dem Projekt REMHI eine beispiellose Dokumentation über
die Gräuel des Bürgerkrieges zusammengetragen. Über 8000 Zeugen, Opfer, Hinterbliebene und Täter haben das
Schweigen gebrochen und das Gespräch mit den Ver-treterinnen und Vertretern der Kirchenkommission gesucht.
Dabei wurden gegen 25'000 Aussagen aufgezeichnet. Am 24. April 1998 wurde der REMHI-Bericht «Guatemala:
Niemals wieder!» von Bischof Gerardi im Namen des Büros für Menschenrechte des Erzbistums von Guatemala der
Öffentlichkeit vorgestellt.
Die vier Bände des Berichtes benennen die Auswirkungen der Gewalt, die Mechanismen des Schreckens, den
historischen Kontext und die Opfer des Konfliktes. Auch die Täter sind namentlich aufgeführt. Insgesamt
werden der Armee. Polizisten, Zivilpatrouillen, Militärbeauftragten und Todesschwadronen die Ermordung von
49'812 Menschen zur Last gelegt. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des Berichtes wurde Bischof Juan Gerardi
brutal ermordet. Beobachter in Guatemala nehmen an, dass dieser Mord davor warnen soll, Armeeangehörige zu
verurteilen. Denn auch wenn die Armee nicht mehr direkt in der Regierung sitzt, gilt sie immer noch als
zentraler Machtfaktor.
Drohungen und Gewalt geschehen aber nicht mehr im Verborgenen, das Schweigen ist gebrochen. Guatemaltekische
und internationale Menschenrechts-organisationen verlangen von der Regierung laut und öffentlich, gegen die
Vergehen einzuschreiten.

Frauen kämpfen für den Frieden
Die Frauen haben in den Letzten Jahren in Guatemala gelitten wie kaum in einem anderen Land.
Jahrzehntelang hinderte die Angst sie daran, von einander zu wissen und gemeinsam gegen die Gräuel des Krieges
anzukämpfen.
Heute haben sich die Frauen in Guatemala eine Position erkämpft, an der in der guatemaltekischen Gesellschaft
niemand mehr vorbeikommt.
«Die grösste Veränderung ist, dass wir es geschafft haben, die Angst zu überwinden. Seit es CONAVIGUA
gibt, treten die Frauen ans Licht der Öffentlichkeit statt zu erschrecken. Wenn früher die Armee oder die
Patrouillen kamen, haben die Frauen sich in den Schluchten oder in den Bergen versteckt. Aber es kam ein Punkt,
an dem wir uns nicht mehr verstecken konnten, immer auf der Flucht im eigenen Land. Jetzt organisieren sich die
Frauen, um sich zu verteidigen. Das ist eine Veränderung,» erzählt Rosa Tuyuc, Leiterin der
Frauenorganisation CONAVIGUA.
Wie andere politische und soziale Volksorganisationen entstand die Frauenorganisation CONAVIGUA unter den am
meisten benachteiligten Menschen, den Indígenas. Gut 60'000 Witwen und über 100'000 Waisen leben in Guatemala
unter schwierigsten sozialen und ökonomischen Bedingungen. Die meisten sind Analphabetinnen und sprechen kaum
Spanisch.
Schon 1985 haben kleine Gruppen von Witwen, deren Männer in den Gewaltjahren ermordet oder entführt wurden,
angefangen sich zu organisieren. Aus diesen Selbsthilfegruppen heraus entstand CONAVIGUA, die erste
Frauenorganisation in der Geschichte der guatemaltekischen Frauen.
Heute sind rund 9'000 Frauen in CONAVIGUA organisiert.
Auch in den Flüchtlingslagern in Mexiko haben sich aus Selbsthilfegruppen Frauenorganisationen gebildet. Sie
führen ihre Arbeit heute unter den zurückgekehrten Frauen weiter.
CONAVIGUA und den übrigen indigenen Frauenorganisationen informieren die Frauen über ihre Rechte, führen
Alphabetisierungskurse und Gesundheitsprogramme durch und helfen ihnen, sich gegen ihre Benachteiligung zu
wehren.

Selbsthilfe im Zeichen der Ceiba, des heiligen Maya-Baumes
In der Peripherie der Millionenstadt Guatemala-Ciudad wachsen die sogenannten
Asientamientos, Armensiedlungen aus Wellblechhütten.
Ladinos und Zuwanderer aus entlegenen Maya-Weilern lassen sich hier nieder auf der Suche nach einem Wohnplatz
und Arbeit.
Wirtschaftliche Not, Mangel an Boden oder die Folgen von Krieg und Repression haben sie hierher getrieben. Die
Hoffnungen vieler Menschen, ein klein wenig von der Prosperität der Stadt mitprofitieren zu können werden oft
zunichte gemacht.
Viele von ihnen schlagen sich als Strassenhändlerinnen, Schuhputzer oder Bettler durch.
Für den Bau ihrer Behausungen am Rande der Stadt besetzen sie ein Stück Land,
vielleicht auf einem vormals bewaldeten Hügel, oder kaufen von zweifelhaften Händlern einige Quadratmeter,
meist ohne Wasser- und Elektrizitäts-anschluss.
So ist auch der Limón in der Zone 18 entstanden.
Die Häuschen liegen an einem Abhang und sind nur durch lehmige Pfade miteinander verbunden. Infrastruktur wie
Strassen oder eine Kanalisation gibt es hier nicht.
Jugendbanden und Drogenhändler machen das Leben der Bewohner unsicher.
Trotzdem geben die Menschen im Limón die Hoffnung nicht auf. Sie schliessen sich zusammen, um gemeinsam ihre Lebensbedingungen zu verbessern.
In ihren Bemühungen werden sie von der Grupo Ceiba unterstützt.
Sie wirkt in verschiedenen Sektoren: Strassenarbeit, Schul- und Berufsausbildung, Umwelterziehung, Förderung
der Frauen.
In der Schule Luz y Esperanza, Licht und Hoffnung, werden tagsüber Kinder aller
Altersstufen ausgebildet, die in der Staatsschule keine Chance erhalten haben. Abends haben Erwachsene die
Möglichkeit einen Primar-- oder Sekundarschulabschluss nachzuholen. Auch der Sport kommt nicht zu kurz.
Es ist jedoch nicht immer einfach, beim Fussball- oder Basketballspiel verfeindete Bandenmitglieder gemeinsam
aufs Spielfeld zu bringen.

Die Milpa - ein seit Jahrtausenden bewährtes System
Die Ureinwohner Mittelamerikas pflanzten bereits 5000 v.Chr. Mais an.
Die Maya betrachteten den Mais als göttliches Wesen.
Sie vollzogen seine Aussaat in Kollektivarbeit und beglei-teten sie mit feierlichen Riten.
Zur Zeit der Hochkultur, zwischen 300 und 900 n.Chr. lebten im Maya-Raum über 15
Millionen Menschen, also mehr als heute. Das war nur möglich dank einer klugen, auf Wechselwirtschaft beruhenden Anbaumethode, die lange Brachzeiten
und Wiederaufforstung brandgerodeter Flächen vorsah.
Seit Jahrtausenden ist die Milpa so die Basis der Maya-Landwirtschaft.
Der Begriff Milpa steht bald für den Mais selbst, bald für ein Maisfeld. Neben gelbem, weissem, rotem und schwarzem Mais wachsen dort auch
frijoles (schwarze Bohnen) und Kürbisse.
Der Mais dient dabei den Bohnen als Kletterstange, während die grossen Kürbisblätter verhindern, dass der
Regen die kostbare Erde wegschwemmt.
So wiederspiegelt auch die Milpa die Vorstellung des Zusammenlebens und Zusammenwirkens,
welche für die Kosmovision der Maya so wichtig ist.
Auch heute noch gibt es Maya, welche die Riten ihrer Vorfahren achten und gemäss den
Weisungen des Tzolkin, des Ritualkalenders, ihre Milpa bepflanzen.

Versunkene Maya-Tempel
Die Maya bauten die Stadt Tikal in der nördlichen Tiefebene des heutigen Guatemala.
Die Besiedlung begann etwa 600 v.Chr.
Die klassische Periode, während der die grossen Monumente entstanden, dauerte von 250 bis 900 n.Chr. In der
Blütezeit lebten bis zu 50'000 Menschen in Tikal. Dann versank diese prächtige Stadt für fast ein
Jahrtausend in die Vergessenheit, bis 1848 zwei Guatemalteken eine erste offizielle Expedition zu den
geheimnisvollen Stätten des Urwaldes unternahmen.
Tikal wird von den gewaltigen Tempel-Pyramiden geprägt, die bis 50 Meter hoch aufragen.
Der damalige Staat war eine Theokratie, das heisst, Religion und politische Führung wurden von denselben
Machthabern ausgeübt.
In Tikal wurden auch Menschenopfer dargebracht, z.B. zur Begleitbestattung von Mitgliedern der Elite. Man darf
annehmen, dass die Tempel vor allem religiösen Zeremonien dienten.
Tikal war aber auch Wirtschafts- und Handelsmetro-pole. Keramik sowie die eingeführten
Obsidiane, Quarzite, Muscheln und vieles andere mehr bestätigen diese These. Allerdings lassen die bisherigen
Grabungen noch keine klaren Schlüsse zu.
Viele der erforschten Gebäude könnten Wohnstätten oder Verwaltungsräume gewesen sein.
Wer die grandiosen Bauten der Maya bewundert, sollte sich bewusst sein, dass dieses Volk weder das Rad, noch
Lasttiere, Eisenwerkzeuge, oder den Rundbogen kannte. Umso grösser sind die Leistungen einzustufen.
Tikal liegt im Urwald. Schon am frühen Morgen hört man die Brüllaffen.
Nasenbären, Füchse, Truthähne, Tukane - mit etwas Geduld findet der Besucher in Tikal eine reiche
Urwaldfauna. Dasselbe gilt für die Flora: Die Ceiba ist ein Urwaldriese von 30 Metern Höhe und galt schon bei
den frühen Maya als heiliger Baum.
Auch dem Zapote, einem Gummibaum, dessen Harz für die Herstellung von Kautschuk verwendet wird und dem
Matapalos begegnet man im Urwald von Tikal.

Der Magnet Stadt
Die Mehrheit der guatemaltekischen Bevölkerung sind Maya. Wie diese Ausstellung zeigt,
lebt die Kultur der indigenen Bevölkerung mehr als 500 Jahre nach der Eroberung immer noch - und sie ist mehr
als nur Folklore. Das Bild von Guatemala ist allerdings unvollständig, wenn die Darstellung des Lebens in der
Stadt und der Kultur der Ladinos, fehlt.
In der Hauptstadt Guatemala-Ciudad wohnen über 2 Millionen Menschen und täglich werden
es mehr. Viele - vor allem Kinder und Jugendliche leben auf der Strasse. Sie sind meist Opfer des jahrelangen
Bürgerkriegs. Wer nur einen Tag lang durch die verschiedenen Zonas, die schachbrettartig angeordneten Calles
und Avenidas fährt, ist beeindruckt von den starken Gegensätzen. Wenige Kilometer von den Baracken aus
Wellblech und Sperrholz in den Elendssiedlungen entfernt beeindrucken uns die Glaspaläste der Banken. Während
wir uns um Mittag an einem Marktstand verpflegen, setzen wir uns zum Nachtisch in die elegante Pastelería
Zurich.
Seitdem Rigoberta Menchú 1992 ihre Biografie ver-öffentlichte, hat sich sehr viel
verändert in Guatemala.
Die vom Staat gedeckten Gräueltaten sind heute kaum mehr denkbar.
Andere schwerwiegende Probleme bedrücken die Bevölkerung. Neben der zunehmenden Verarmung weiter Kreise
greift die Angst vor Überfällen und Entführungen, vor Gewalt ganz allgemein um sich.
In der unterdessen recht unabhängigen Presse äussern sich widersprüchliche Stimmen
zur Frage der inneren Sicherheit. Neben jenen, die sich für eine unerbittliche Anwendung der Todesstrafe
aussprechen, fordern andere mehr Präventionsarbeit.
Diese existiert durchaus: Unzählige Organisationen engagieren sich in Projekten, zum Beispiel zu Gunsten der
zugewanderten landlosen Mayas oder für Strassenkinder. Das Ministerium für Kultur und Sport ermöglicht es
neuerdings auch, dass solche Initiativen auf öffentlichem Grund dargestellt werden können.

Der Pop Vuh - die heilige Schrift der Maya
Der Pop Vuh - oft auch Popol Vuh genannt - das «Buch des Rates» wird als Hauptwerk der
klassischen mittelamerikan-ischen Literatur betrachtet.
Aufgezeichnet hat die Texte ein Indígena, ein Maya aus dem Volk der Quiché, der nach der Eroberung Spanisch
gelernt hatte und einem Priester in der Kirche zur Seite stand. Dieser erkannte, dass der Junge die
jahrhundertelang mündlich überlieferten Geschichten seiner Vorfahren sehr genau kannte und forderte ihn
zwischen den Jahren 1545 und 1555 auf, sie niederzuschreiben.
Dies mag erstaunen, denn die Eroberer hatten zuvor unzählige auf Rinden und Leder festgehaltene Bilderberichte
vernichtet, um die als Teufelswerk betrachtete Maya-Kultur auszurotten.
Der Pop Vuh ist eine grosse Sagen- und Mythen-sammlung.
Wir finden darin Geschichten, die einerseits unterhaltsam sind und andererseits sehr tiefgründig den Weg des
Volkes der Quiché erzählen, von der Erschaffung der Welt und den ersten Menschen bis zur Ankunft der Spanier
im Jahre 1524.
Die symbolhaften Geschichten sind für viele Mayas auch heute noch von grosser Bedeutung
für die Gestaltung des täglichen Lebens.
Im Kampf um ihre kulturelle Identität berufen sie sich immer wieder auf dieses Werk, dessen Mythen auch heute
noch Grundlage sind, für die Weitergabe des Wissens und der Philosophie, welche die Maya-Kosmovision
ausmachen.

Das Wiedererlernen der eigenen Kultur
Das schlecht ausgebaute Schulwesen in Guatemala hat viel zur Benachteiligung weiter
Schichten, vor allem der Indígenas beigetragen.
In den Friedensverträgen von 1996 wurde nun festgehalten: «Das Schulsystem muss der kulturellen und
sprachlichen Vielfalt in Guatemala Rechnung tragen. Es muss die kulturelle Identität der Indígenas, d. h. die
Werte und die Erziehungsmethoden der Maya und der anderen indigenen Völker stärken. Es muss auch in den
nationalen Lehrgängen die Erziehungsvorstellungen der Maya einschliessen.»
Der Weg bis zur Verwirklichung dieser Forderungen ist jedoch weit.
So berichtet die Prensa Libre vom 12. September 1998, dass 800'000 Kinder in diesem Moment nicht zur Schule
gehen und dass 1996 mehr als 37% der Bevölkerung Analphabeten waren.
Viele Familien können es sich nicht leisten, ihre Kinder in die Staatsschule oder gar
in eine der zahlreichen Privatschulen zu schicken, denn Transportmittel, Materialien und Uniformen sind teuer.
Es gibt jedoch Schulen, die an der Verbesserung der Lage arbeiten, z. B. das Centro
Educativo Yampú in San Pedro Ayampúc.
Diese Schule wurde 1990 von einem jungen Schweizer, dessen Frau vom Volk der Kaqchikel und anderen
Maya--Lehrkräften gegründet.
Sie wird zwar hauptsächlich durch Spenden aus der Schweiz finanziert, für die Leitung sind jedoch
einheimische Lehrkräfte verantwortlich.
Das C.E.Y. umfasst 15 Klassen, verteilt auf Primar-und Sekundarschule.
Nebst der üblichen formalen Ausbildung gibt es besondere Aktivitäten, welche einerseits das
Selbstbewusstsein, andererseits die Sozialkompetenz der Kinder und Jugendlichen, vor allem der Frauen fördern.
Praxisorientierte Workshops erleichtern den Eintritt in die Berufswelt.

Das harte Leben der Kaffeebauern
Grossplantagen: Zum Sterben zuviel
Kaffee ist das wichtigste Exportprodukt Guatemalas.
Doch das Leben der Kaffeebauern an den Steilhängen des Hochlandes ist hart.
Über 300'000 landlose Familien verdingen sich in Saisonarbeit auf den Plantagen der Grossgrundbesitzer. Ihre
Löhne sind beschämend niedrig. Nur selten finden die Familien gemeinsam Arbeit - oft werden sie über Monate
auseinandergerissen, und kleine Kinder bleiben sich selbst überlassen.
Kleinbetriebe: Zum Leben zu wenig
Auch wer ein eigenes Stückchen Land besitzt, muss sehr hart arbeiten: Während der Kaffee-Ernte dauern die
Arbeitstage von vier Uhr morgens bis zum späten Abend. Hier müssen die Kinder ebenfalls mitarbeiten. Doch die
Familien werden nicht getrennt, Dorfgemein-schaften bleiben erhalten.
Das stärkt die kulturelle Identität der oft indianischen Bauern und Bäuerinnen.
Dennoch reicht auch ihr Ertrag eher zum Überleben denn zum Leben.
In den Fängen der «coyotes»
Wirklich Geld verdient mit dem Kaffee wird an der Rohstoffbörse in New York.
In Guatemala kontrollieren die grossen Exporteure den Kaffeehandel.
Viele Kleinbauern sind abhängig von den ausbeuterischen Zwischenhändlern, den «coyotes».
Diese kassieren bis zu zwei Drittel des späteren Exportpreises und geben den Bauern Dünger und Werkzeuge auf
Kredit. Die Zinsen sind horrend, die Abhängigkeit steigt: Bei der nächsten Ernte werden noch schlechtere
Preise bezahlt...
Viele Familien verschulden sich.
Als letzter Ausweg bleibt ihnen oft nur der Verkauf des Landes und die Migration in die Elendsviertel der
Hauptstadt.

Der Hoffnungs-Duft des Kaffees
Selbsthilfe: Mit einer Stimme
Immer mehr Kaffeebauern beginnen, sich gegen die Machenschaften der skrupellosen Zwischenhändler zu wehren
und schliessen sich zu Kooperativen zusammen. So zum Beispiel auch in San Gaspar Chajul. Hier gründeten
Kleinbauernfamilien die Asociación Chajulense Va'l Vaq Quyol (deutsch: «Mit einer Stimme»). 15'000 Personen
aus 50 Dörfern gehören heute der Genossenschaft an.
Sie verkaufen ihre Kaffeebohnen jetzt selber. Auch nach Europa, nachdem sie sich eine Exportlizenz erkämpft
haben.
Fairer Handel: Solidarität in Europa
Kaffee aus Chajul ist biologisch und trägt das Gütesiegel von Max Havelaar.
Der Faire Handel garantiert den Kleinbauern gerechte Preise, feste Abnahmeverträge und die Vorfinanzierung der
Ernte. So kamen 1997 auch 35 Tonnen Rohkaffee aus Guatemala in die Schweiz.
Als exquisiter «BioBravo Café» wird er in Quartierläden, Drogerien, Weltläden und Fairness-Shops verkauft.
Dank einem fairen Kredit von 280'000 US $ der Ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft EDCS kann die
Asociación Chajut heute auch ihren Kapitalbedarf decken - und sie hat bewiesen, dass sie eine zuverlässige
Geschäftspartnerin ist: ihr Darlehen ist bereits zum grössten Teil zurückbezahlt.
Im Einklang mit der Natur
Die Bauern von Chajul pflanzen ihren Kaffee nach den traditionellen Anbaumethoden und erfüllen ganz
selbstverständlich die Kriterien einer umweltverträglichen Landwirtschaft: Sie pflanzen Mischkulturen,
pflegen Gründüngung und bauen Terrassen gegen die Bodenerosion. Statt mit den Resten der Kaffeekirschen
Bäche zu verschmutzen, kompostieren sie die Grünabfälle, um sie wieder dem Kreislauf der Natur zuzuführen.
Entwicklungsarbeit: Zukunft für alle
Dank der Unterstützung und Beratung von Entwicklungs-organisationen wie Helvetas beginnen sich die
Lebensbedingungen der Kaffeefamilien langsam zu verbessern. Auch in Chajul: Die Asociación Chajulense führt
heute eine landwirtschaftliche Schule, verschiedene Läden, ein Beneficio zur Kaffeeaufbereitung, Maismühlen,
Webereien, eine Sparkasse und gar einen Radiosender. Ein Rechtsberatungsbüro unterstützt die
Kleinbauernfamilien bei Menschenrechtsfragen und Landstreitigkeiten.

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