Presseschau

Guatemalanetz Bern / Red de Guatemala, Berna

 

Der Bund, 28. September 2002

 

GUATEMALA

Kein Bürgerkrieg mehr, doch kein sozialer Frieden

Sechs Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges hat sich an den gesellschaftlichen Grundproblemen wenig geändert. Ein Grossteil der indianischen Bevölkerungsmehrheit lebt in Armut, viele arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen auf Plantagen. Der katholische Bischof Ramazzini, der zurzeit in der Schweiz weilt, setzt sich wie andere Kirchenleute mit Rechts- und Sozialhilfe für die Ausgebeuteten ein - trotz Morddrohungen.

KATHARINA SCHINDLER

«Fast alles ist schwieriger geworden in den letzten zwei, drei Jahren. Mit dem Zerfall des Kaffeepreises sind noch mehr Menschen verarmt.» In San Marcos im guatemaltekischen Hochland, wo Bischof Alvaro Ramazzini seit 14 Jahren wirkt, hat der Friedensprozess wenig Früchte getragen. «Fortschritte gab es beim Strassenbau und bei der Versorgung mit Elektrizität», bilanziert der Kirchenmann, der diese Woche auf Einladung von Amnesty International in Bern weilte. «Doch davon haben die Armen nichts, denn der Strompreis ist so hoch, dass nur die Reichen profitieren.»

Fünfeinhalb Jahre ist es her, dass der Bürgerkrieg nach 36 Jahren mit einem Friedensabkommen beendet wurde. Seither schweigen zwar die Waffen mehr oder weniger. Doch an den gesellschaftlichen Strukturen hat sich kaum etwas geändert. Noch immer sind 60 Prozent der Menschen vorwiegend Angehörige der Maya-Völker bitter arm, während eine kleine Minderheit in Saus und Braus lebt. 90 Prozent des Bodens sind im Besitz von einem Prozent der Guatemalteken. Nirgendwo in Lateinamerika ist das Land ungerechter verteilt als hier. Das erkannten auch die Architekten des Friedensplans und schufen einen Fonds, um den Boden neu zu verteilen. Tatsächlich erhielten in den letzten Jahren Tausende Familien ein Darlehen und konnten so eine Parzelle erwerben. Doch der Fonds war zu knapp dotiert, die Darlehen so klein, dass sie meist nur für den Kauf minderwertiger Böden reichten; jetzt sind die Menschen auch noch verschuldet.

«Es braucht einen Plan»

Ohnehin meint Ramazzini, dass mit der Umverteilung des Landes allein erst wenig erreicht wäre:«Es braucht einen umfassenden Plan für die ländliche Entwicklung.» Die einseitige Ausrichtung auf ein, zwei landwirtschaftliche Exportprodukte schränke die Lebensperspektiven der einfachen Leute zu sehr ein ganze Generationen arbeiteten, oft unter sklavenähnlichen Bedingungen, auf derselben Plantage. Vor allem aber mache die Abhängigkeit von einer Monokultur das Land anfällig für Krisen. Dies bekam die Region San Marcos im Grenzgebiet zu Mexiko in den letzten Jahren schmerzlich zu spüren:Der Zerfall des Kaffeepreises auf dem Weltmarkt hatte dramatische Folgen für die lokale Bevölkerung. Da ganze Familien auf einer einzigen Plantage arbeiteten, wurden sie kollektiv entlassen, wenn der Grossgrundbesitzer die Löhne nicht mehr zahlen konnte.

Kirche springt in die Bresche

Bei sozialer Not ist die Kirche meist einzige Institution, die Hilfe bietet. «Wir ersetzen den Staat, wenn er versagt und das tut er in Bezug auf die Bedürfnisse der einfachen Leute sehr oft», sagt Bischof Ramazzini. «Alle Diözesen im Land führen Programme im Bereich Entwicklung, Gesundheit und Bildung.»Vielerorts betreibe die Kirche medizinische Zentren, initiiere Bildungsprogramme am Radio und unterstütze die Indios bei der Wahrnehmung ihrer Rechte beispielsweise in der Landfrage. Als vor einem halben Jahr 350 Kleinbauern und ihre Familien im Departement San Marcos die Ländereien eines Grossgrundbesitzers besetzten und alte Landrechte geltend machten, vermittelte Ramazzini zwischen den Konfliktparteien und versorgte die Besetzer mit Wasser. Kurz darauf erhielt der Kirchenmann eine anonyme Morddrohung was in Guatemala eine ernst zu nehmende Gefahr bedeutet. Im vergangenen Jahr registrierten Menschenrechtsgruppen 19 politisch motivierte Morde und sechs misslungene Mordversuche und auch dieses Jahr kam es zu zahlreichen Verbrechen dieser Art. Doch Bischof Ramazzini liess sich nicht einschüchtern. Er setzt sich weiterhin für die Unterdrückten im Land ein, ohne aus seiner Meinung ein Geheimnis zu machen: «Wenn ich Schulen oder Spitäler baue, dann stört das natürlich niemanden im Gegenteil», sagt er. «Doch wenn ich von den Ursachen der Probleme rede, wenn ich die gesellschaftlichen Strukturen kritisiere und sage: es braucht einen anderen Umgang mit dem Boden, eine andere Verteilung dann schaffe ich mir mächtige Feinde.» Denn in Guatemala haben einige wenige viel zu verlieren.