Presseschau

Guatemalanetz Bern / Red de Guatemala, Berna

 

Madeleine und Ruedi Rumpf

 

Interview in der Berner-Zeitung, 7. Januar 2002

 

MADELEINE UND RUEDI RUMPF AUS OSTERMUNDIGEN

Sie kämpfen gegen Ungerechtigkeit

Das Ehepaar Madeleine und Ruedi Rumpf setzt sich in Zusammenarbeit mit HEKS und der Fachstelle OeME für die Mayas in Guatemala ein. Das indigene Volk wurde in den Achtzigern vom Militär massakriert.

Bettina Jakob

«Das Schweigen brechen.» Grell leuchten die gelben Lettern von der Tür zum Büro. Inmitten des Posters ein blasses Gesicht mit ausgehöhlten Wangenknochen, der Mund formt sich zum Schrei: Das berühmte Bild von Edvard Munch. Das Ehepaar Madeleine und Ruedi Rumpf ist nicht gewillt, den Mund zu halten.

Aus dem kleinen Büro in Ostermundigen tragen sie hinaus, was in den frühen Achtzigern in Guatemala geschah: Das vierteilige Dokument «Nunca mas», welches den Völkermord an den Mayas aufzeichnet. Das Militär massakrierte die indigene Bevölkerung (vgl. Kasten). Richtete öffentlich hin. Folterte. Vergewaltigte. Mordete. Der Krieg forderte rund 150'000 Tote. Über eine Million im Land vertriebene Flüchtlinge. 40'000 Menschen sind bis heute aus Mexiko zurückgekehrt; auf dem Papier herrscht seit 1996 Frieden im zentralamerikanischen Land. «Wir stützen die Menschen dabei.» Das sind Rumpfs aus Ostermundigen und ihr Guatemala-Netz (siehe Kasten).

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Ungerechtigkeit hat sie schon immer aufgebracht. Madeleine Rumpf rutscht auf die Sofakante. Sie ist Koordinatorin vom Guatemala-Netz Bern. Sie und ihr Ehemann Ruedi haben dieses vor zehn Jahren gegründet. Sie folgen der Bitte der guatemaltekischen Ureinwohner. Nämlich, dass die Wahrheit über die Vergangenheit ans Licht kommt. Dass die Opfer aus den Massakern eine würdevolle Bestattung erhalten. Nur so sei eine Versöhnung möglich.

Rumpfs informieren in den Schulen, an Vorträgen, mit Ausstellungen. Sie begleiten Kirchgemeinden in ihrer Entwicklungszusammenarbeit für Guatemala. Sie berichten fundiert. Über Gehörtes. Aber auch über Elend, das sie auf ihren sechs Heks-Guatemala-Reisen mit eigenen Augen gesehen haben. «Dabei sind die Mayas so sanft.» Madeleine Rumpf lächelt. «Wir könnten viel von ihnen lernen.» Ruedi Rumpf nickt.

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Angestellt zu 25 Prozent, Arbeit für 80 Prozent. Madeleine Rumpf setzt sich ganz für das Guatemala-Netz ein. Die ehemalige Medizinlaborantin ist voller Energie. Schon immer stand sie auf der Seite der Schwächeren: Mitte der Achtzigerjahre kämpften sie und ihr Mann für die tamilischen Flüchtlinge in Ostermundigen. «Ich fordere Gerechtigkeit», sagt die engagierte Christin.

Madeleine Rumpf erzählt auch Schönes. Von Ritualen der Mayas, ihrer Spiritualität und Kosmovision, ihren 22 Sprachen, die lange nicht anerkannt wurden, von starken Maya-Frauen, die eine Kreditbank gegründet haben. Madeleine Rumpfs Hände erzählen mit. Ihre Ohrstecker klimpern. Im linken Ohr trägt sie einen Herzanhänger. «Doch unser Einsatz könnte genauso gut für Palästina sein.» Ruedi Rumpf nickt sehr bestimmt.

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Fotos von Kindern, in bunte Tücher gewickelt, strahlen Wärme von den Bürowänden. Eine mit Goldstaub behauchte Kerze brennt auf dem Tisch im Wohnzimmer. An der Decke hängt ein Tukan aus Stoff, schwarz, mit gelbem Schnabel. Der Vogel des zentralamerikanischen Dschungels. Guatemala ist auch hier.

Dringlichkeitsappelle, Seminare, Schulbesuche, öffentliche Auftritte. Jahraus, jahrein. Rumpfs Programm ist vollgepackt. Oft beherbergen sie auch Gäste aus Guatemala. Viel Trauriges komme einem da zu Ohren. Aber man spüre die unbeugsame Hoffnung. Den unerschütterlichen Glauben, «tief drin».

Auferstehung passiere bei ihnen jeden Tag, habe einmal ein guatemaltekischer Bauer zu ihnen gesagt. Das Symbol des Maya-Altars ist ein Kreuz. Das Maya-Kreuz. «Es ist viel älter als das Christus-Kreuz.» Madeleine Rumpf schweigt.

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Das pensionierte Ehepaar lebt im vierten Stock. «Nahe der Badi», sagt Ruedi Rumpf. Beide schwimmen gern. Sie sind kulturell interessiert und geniessen ab und zu einen Abend im Berner Stadttheater. Das Abo hätten sie aber abbestellt. «Für alles reicht es nicht.»

Der ruhige, besonnene Mann zuckt mit den Schultern. Als er noch arbeitete, war er Verkaufsleiter für Konserven. Er hatte aber immer mehr Mühe mit den hiesigen Konsumtrends. «Ungerechter Handel.» Darob kann Ruedi Rumpf nur den Kopf schütteln.

 

GUATEMALA-NETZ

Vor 10 Jahren gegründet

Das Guatemala-Netz wurde Anfang 90er-Jahre mit Hilfe des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen in der Schweiz (HEKS) und der Fachstelle Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit (OeME) der Reformierten Kirchen Bern-Jura gegründet. In der Basisorganisation arbeiten Kirchgemeinden, Solidaritätsgruppen und Einzelpersonen zusammen, unterstützt von Arbeitsgruppen und Freiwilligen. Im Zentrum der Tätigkeit stehen die Begleitung der zurückgekehrten Flüchtlinge und des Friedensprozesses in Guatemala, Menschenrechtsarbeit und Begegnungsreisen in die Schweiz/nach Guatemala. Die Fachstelle OeME verlieh kürzlich erstmals den Förderpreis für Entwicklungszusammenarbeit. Die 5000 Franken Preisgeld gingen an Madeleine und Ruedi Rumpf und kommen den Projekten des Netzes zugute.

bjb

BÜRGERKRIEG

Massaker in 80er-Jahren

Guatemala in Zentralamerika ist rund zweieinhalbmal so gross wie die Schweiz und hat 11 Millionen Einwohner. Davon sind 60 Prozent indianischer Abstammung. Der Krieg begann in den 50erJahren, als der sozialistische Staatspräsident Jacobo Arbenz eine Agrarreform durchführte. Grossgrundbesitzer wurden enteignet; das brachliegende Land wurde an Bauernfamilien abgegeben. Nach dem Staatsstreich 1963 hatte die Armee die Kontrolle über die Regierung. Sie diskriminierte die indigene Bevölkerung. In den 80er-Jahren weitete sich der Terror aus: 1982 kam General Rios Montt an die Macht. Massaker an Indigenen, Hinrichtungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Ende der Achtziger wurde Montt gestürzt. 1987 begannen die Friedensverhandlungen,

1996 wurde der Friedensvertrag unterzeichnet.

bjb