Guatemalas unbewältigte Vergangenheit
"Die Opfer schreien unter der Erde"
Der 36-jährige Bürgerkrieg in Guatemala ist trotz dem Friedensschluss von 1996 nicht vernarbt. Erst langsam kommt
die ganze Wahrheit über den von der Armee an der Mayabevölkerung verübte Genozid an den Tag. Mit Gedenkstätten, der
Exhumierung von Massengräbern und Gerichtsprozessen soll den Opfern Gerechtigkeit widerfahren.
bau. Rabinal, im November
Alles scheint im guatemaltekischen Provinzstädtchen Rabinal eine Schuhnummer zu gross geraten zu sein. Da dehnt
sich, mächtiger als ein Fussballstadion, der im spanischen Kolonialstil angelegte gepflasterte Hauptplatz. An der
Stirnseite strahlt die weiss getünchte Monumentalfassade einer Kathedrale aus der Barockzeit. Weiter hinten liegt ein
für Friedenszeiten überdimensioniertes Militärlager. Und genau davor entdeckt man zwei quartiergrosse Friedhöfe, der
eine für die Armen, der andere für die Reichen.
Hochburg von Armee und Guerilla
Die einstöckigen Häuser entlang den schachbrettartig angelegten Strassenzügen sind heruntergekommen, einzelne
unbewohnt. Wäre nicht der eifrig besuchte Wochenmarkt, für den die Bauern aus der Umgebung ins Tal hinuntersteigen,
würde das Nest in Bedeutungslosigkeit versinken. Noch vor zwanzig Jahren, auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges, war
das anders gewesen. Verbände der Linksguerilla benützten Rabinal und das umliegende Gebiet des Departements Baja
Verapaz als wichtigste Durchgangsroute aus der Hauptstadt in die Hochlandgebiete. Auf den Lagekarten der Armee wurde die
liebliche, von Äckern und Wäldern durchsetzte Gebirgsgegend als Teufelsküche geortet. Im Jargon der Militärs wurden
die Bewohner allesamt und meist zu Unrecht als Kollaborateure der Guerilla eingeschätzt. Auch sechs Jahre nach dem von
der Uno als Mittlerinstanz begleiteten Friedensschluss vom Dezember 1996 wollen die Wunden nicht verheilen. In den
Dörfern und Weilern von Baja Verapaz, einem der ärmsten Departemente Guatemalas, das vornehmlich von Indios des
Mayavolkes bewohnt wird, leben die Täter von schweren Menschenrechtsverletzungen ungestraft neben den Hinterbliebenen
der Opfer.
Zur Zeit der Generalspräsidenten Lucas García (1978-1982) und Ríos Montt (1982-1983) hatten sich in und um Rabinal
eine Reihe schwerer Massaker und aussergerichtlicher Hinrichtungen ereignet. Die nationale Wahrheitskommission hat in
Baja Verapaz 28 Massenhinrichtungen registriert, im ganzen Land waren es mindestens 669. Jüngste Ausgrabungen lassen
vermuten, dass die Zahl der Massaker weit höher sein dürfte. Die Verbrechen gehen vorwiegend auf das Konto der Armee
sowie der von den Streitkräften geförderten und mit primitiven Waffen ausgerüsteten zivilen
Selbstverteidigungspatrouillen (PAC). Patrouilleure wurden nicht nur zur Sicherung der eigenen Dörfer eingesetzt. Oft
mussten sie auf Befehl der lokalen Armeekommandanten zu Strafexpeditionen in Nachbardörfer ausrücken. Dabei
verwandelten sie sich in jene Todesschwadronen, die mit Vorliebe im Morgengrauen Furcht und Entsetzen unter der
Zivilbevölkerung säten.
Allein zwischen September 1981 und August 1983 sind im weitläufigen Gemeindebezirk von Rabinal, der damals etwas
über 22"000 Einwohner zählte, 4000 bis 5000 Menschen, unter ihnen viele Frauen, Greise und Kinder, ermordet
worden. Die Wahrheitskommission schätzt in ihrem Bericht von 1999, dass der Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen
Guerillagruppierungen und der im Rahmen des Kalten Krieges von den USA massiv unterstützten Armee insgesamt
200"000 Todesopfer gefordert hat. Unumwunden bezeichnet sie das - im Grunde ethnisch bedingte - Morden als Genozid,
denn betroffen waren nicht so sehr Angehörige der kriegführenden Parteien, sondern vor allem unbeteiligte Indios.
Ein Museum als Mahnmal
Bert Janssens, ein junger Philologe aus Belgien, der seit ein paar Jahren als Freiwilliger in Rabinal arbeitet,
führt den Besucher in das von ihm betreute lokale Museum. Drei Nonnen sitzen vor einem Fernsehgerät und lassen sich
aus der Videothek einen Dokumentarfilm über die Greueltaten der Armee während des Bürgerkriegs vorführen. Das
Museum, das auch als Dokumentationsstelle ausgebaut wird, ist zu einem Anziehungspunkt für die Bewohner der Region
geworden. Es wurde vor Jahresfrist eingeweiht, und nun zählt man pro Monat um die 1000 Besucher, unter ihnen viele
Schulklassen. Sie kommen weniger, um die ausgestellten Gegenstände der feinen Handwerkskultur aus der Nachbarschaft zu
betrachten. Trauriger Anziehungspunkt ist die "Sala de historia", der Raum, welcher der bis vor kurzem
totgeschwiegenen Geschichte des Dorfes gewidmet ist.
Tritt man aus der grellen Sonne in das gedämpfte Licht der alten Schulstube, ist der Eindruck niederschmetternd.
Alle verfügbaren Wände des Raumes sind mit mehrfach vergrösserten Passfotos von Opfern tapeziert. Stellwände mussten
zusätzlich beschafft werden, um die 350 Schwarzweissaufnahmen aus dem Archiv des örtlichen Zivilstandsregisters
unterzubringen. Zu Füssen der Bilder brennen da und dort Kerzen. Familienangehörige sind an Allerheiligen gekommen, um
ihrer Toten, von denen sie häufig nicht wissen, wo sie begraben liegen, zu gedenken. Den Bildlegenden kann man
entnehmen, dass die meisten Frauen und Männer 1982 bei den Massakern in den Weilern Chichupac, Río Negro und Plan de
Sánchez umgekommen sind.
Die Initiative für das Museum ist eine direkte Folge der Friedensverträge. Diese halten fest, ein dauerhafter
Friede zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen sowie eine demokratische Gesellschaft seien nur dann möglich, wenn
man der Opfer öffentlich gedenke, wenn eine Kultur des gegenseitigen Respekts entstehe, die Vergangenheit
aufgearbeitet, die Täter von Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgeurteilt, die Hinterbliebenen der Opfer
entschädigt und künftig die Menschenrechte beachtet würden.
Massenmörder vor Gericht
Vor allem mit finanzieller und technischer Unterstützung aus dem Ausland sind in den letzten Jahren eine Reihe von
Projekten in Gang gekommen, die zur Aussöhnung der tief gespaltenen multiethnischen Gesellschaft Guatemalas beitragen
wollen. Dem heiklen Unternehmen der Vergangenheitsbewältigung begegnen die nach wie vor tonangebende Oligarchie, ein
Teil der uneinsichtigen Militärkaste, aber auch führende konservative Politiker mit Argwohn oder unverhüllter
Obstruktion; diesen Umstand kritisiert vor allem die in Guatemala tätige Friedensmission der Uno mit zunehmendem
Unwillen. Trotz allen Hindernissen sind, wie das Beispiel Rabinal zeigt, erste Fortschritte zu verzeichnen. Hier gibt es
nicht nur das Dorfmuseum als Mahnmal. Im Armenfriedhof stehen inzwischen die ersten Denkmäler für die Opfer des
Staatsterrors unter den Militärdiktaturen. Im Nachbardorf Xococ haben sich die Angehörigen der Ermordeten zu einer
Interessenvereinigung zusammengeschlossen, die Dialog und Ausgleich mit den Gewalttätern sucht, aber auch auf Strafe
und Wiedergutmachung pocht.
Auch in den guatemaltekischen Gerichtssälen findet Unerhörtes statt. Im Fall eines Massakers im Dörfchens Río
Negro, wo im Februar 1982 107 Kinder und 70 Frauen auf grausamste Weise umgebracht worden waren, kam es allen
Widerständen zum Trotz zum Prozess. Wenn auch nicht die Drahtzieher der militärischen Operation zur Rechenschaft
gezogen wurden, so gelang es 1999, mit der Verurteilung von 3 ehemaligen Angehörigen einer Zivilpatrouille als
materielle Täter ein Zeichen zu setzen. Einer der Überlebenden, Jesús Tecu, der zur Zeit der Tat elf Jahre alt war,
bedauert im Gespräch, dass weitere 27 PAC-Angehörige weiterhin frei herumliefen. Seit Jahren kämpft er dafür, dass
auch andere Fälle aus der Zeit des Bürgerkriegs vor Gericht kommen. Die Hauptschwierigkeit sei, Zeugen dazu zu
bewegen, vor dem Richter auszusagen, sagt Jesús. Viele hätten Angst, ihr Schweigen zu brechen, weil die Täter in der
gleichen Gemeinde oder im Nachbarort wohnten und mit Rache drohten.
Auf Drängen betroffener Familien sind allein im Gebiet von Rabinal seit dem Friedensschluss Ausgrabungen auf zwei
Dutzend geheimen Friedhöfen eingeleitet und 216 Skelette geborgen worden. Federführend ist die private
Gerichtsmedizinische Stiftung Guatemalas (FAFG), die vom Entwicklungsprogramm der Uno und von Spenden aus Holland und
den USA getragen wird. Den Hinterbliebenen die Reste ihrer toten Angehörigen zurückzugeben und feierlich zu bestatten,
sei bei den Mayavölkern von erstrangiger Bedeutung, sagt der junge, in den USA ausgebildete guatemaltekische
Anthropologe Fredy Peccerelli, der die Stiftung leitet. Die Mayas lebten sehr eng mit den Toten zusammen, zu ihnen
hielten sie ständig eine Verbindung aufrecht. Mit dem anonymen Verscharren der Leichen in Massengräbern werde der für
den Einzelnen und die Gemeinschaft wichtige Kommunikationsprozess abrupt unterbrochen. Peccerelli wurde auf Grund seiner
Erfahrung bei der FAFG wiederholt vom Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien zu Einsätzen nach Bosnien
geholt.
Mangel an Gerichtsmedizinern
Die Ausgrabungen begleitet ein Team von Psychologen, die sich der Angehörigen annehmen. "Die Opfer schreien
unter der Erde", sagt eine Frau, deren Eltern bei Rabinal umgebracht wurden. Sind die sterblichen Überreste einmal
ausgegraben, sei es nicht immer einfach, den Leuten zu erklären, warum man sie zuerst im Labor untersuchen wolle, sagt
eine aus Spanien stammende Mitarbeiterin der inzwischen über 60 Angestellte zählenden FAFG. Die betroffenen Familien
befürchteten, die Knochen würden in die USA verkauft oder zu Suppe gekocht und schliesslich durch Tierknochen ersetzt.
Um dieser Legendenbildung Einhalt zu gebieten, gebe man den Angehörigen die Möglichkeit, das Labor der Stiftung in der
Hauptstadt zu besuchen. Als einer der Anthropologen einmal einer Mayagemeinde seine Arbeit zu erklären versuchte und
bildhaft bemerkte, die Gebeine begännen im Labor zu sprechen, zeigten sich Angehörige der Zivilpatrouillen plötzlich
sehr interessiert. Sie wollten wissen, was die Verstorbenen gesagt hätten, wohl um herauszufinden, ob man sie als
Schergen erkannt habe.
Zu Beginn der neunziger Jahre, als in Guatemala die ersten geheimen Friedhöfe entdeckt wurden, gab es - ähnlich wie
in Argentinien, Chile oder Bosnien - im ganzen Land keine Spezialisten für wissenschaftlich geführte Exhumierungen und
forensische Untersuchungen. Der amerikanische Gerichtsmediziner Clyde Snow, der sich schon bei Ausgrabungen in
Argentinien weltweit einen Namen geschaffen hatte, bildete die ersten Spezialisten aus. Mit einem Jahresbudget von einer
Million Dollar werden heute jährlich 60 Grabungen vorgenommen. In ganz Guatemala sind in den letzten Jahren etwa 300
Exhumierungen erfolgt, wobei der Grossteil von der Stiftung betreut wurde. Über 2000 Gebeine wurden gefunden, geröntgt
und auf Spuren eines gewaltsamen Todes untersucht. Dass die Arbeit der Gerichtsmediziner nicht überall willkommen ist,
zeigen die Todesdrohungen, die Mitarbeiter der Stiftung in jüngster Zeit erhalten haben. Offenbar befürchten Schuldige
aus den Reihen der Armee und der PAC, zur Rechenschaft gezogen zu werden, denn die Ausgrabungsprotokolle und die
Zeugnisse der befragten Angehörigen, welche die FAFG vorlegt, werden als Beweismittel vor Gericht anerkannt.
|