Presseschau

Guatemalanetz Bern / Red de Guatemala, Berna

 

NZZ, 23. November 2002

Guatemalas unbewältigte Vergangenheit

"Die Opfer schreien unter der Erde"

Der 36-jährige Bürgerkrieg in Guatemala ist trotz dem Friedensschluss von 1996 nicht vernarbt. Erst langsam kommt die ganze Wahrheit über den von der Armee an der Mayabevölkerung verübte Genozid an den Tag. Mit Gedenkstätten, der Exhumierung von Massengräbern und Gerichtsprozessen soll den Opfern Gerechtigkeit widerfahren.

bau. Rabinal, im November

Alles scheint im guatemaltekischen Provinzstädtchen Rabinal eine Schuhnummer zu gross geraten zu sein. Da dehnt sich, mächtiger als ein Fussballstadion, der im spanischen Kolonialstil angelegte gepflasterte Hauptplatz. An der Stirnseite strahlt die weiss getünchte Monumentalfassade einer Kathedrale aus der Barockzeit. Weiter hinten liegt ein für Friedenszeiten überdimensioniertes Militärlager. Und genau davor entdeckt man zwei quartiergrosse Friedhöfe, der eine für die Armen, der andere für die Reichen.

Hochburg von Armee und Guerilla

Die einstöckigen Häuser entlang den schachbrettartig angelegten Strassenzügen sind heruntergekommen, einzelne unbewohnt. Wäre nicht der eifrig besuchte Wochenmarkt, für den die Bauern aus der Umgebung ins Tal hinuntersteigen, würde das Nest in Bedeutungslosigkeit versinken. Noch vor zwanzig Jahren, auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges, war das anders gewesen. Verbände der Linksguerilla benützten Rabinal und das umliegende Gebiet des Departements Baja Verapaz als wichtigste Durchgangsroute aus der Hauptstadt in die Hochlandgebiete. Auf den Lagekarten der Armee wurde die liebliche, von Äckern und Wäldern durchsetzte Gebirgsgegend als Teufelsküche geortet. Im Jargon der Militärs wurden die Bewohner allesamt und meist zu Unrecht als Kollaborateure der Guerilla eingeschätzt. Auch sechs Jahre nach dem von der Uno als Mittlerinstanz begleiteten Friedensschluss vom Dezember 1996 wollen die Wunden nicht verheilen. In den Dörfern und Weilern von Baja Verapaz, einem der ärmsten Departemente Guatemalas, das vornehmlich von Indios des Mayavolkes bewohnt wird, leben die Täter von schweren Menschenrechtsverletzungen ungestraft neben den Hinterbliebenen der Opfer.

Zur Zeit der Generalspräsidenten Lucas García (1978-1982) und Ríos Montt (1982-1983) hatten sich in und um Rabinal eine Reihe schwerer Massaker und aussergerichtlicher Hinrichtungen ereignet. Die nationale Wahrheitskommission hat in Baja Verapaz 28 Massenhinrichtungen registriert, im ganzen Land waren es mindestens 669. Jüngste Ausgrabungen lassen vermuten, dass die Zahl der Massaker weit höher sein dürfte. Die Verbrechen gehen vorwiegend auf das Konto der Armee sowie der von den Streitkräften geförderten und mit primitiven Waffen ausgerüsteten zivilen Selbstverteidigungspatrouillen (PAC). Patrouilleure wurden nicht nur zur Sicherung der eigenen Dörfer eingesetzt. Oft mussten sie auf Befehl der lokalen Armeekommandanten zu Strafexpeditionen in Nachbardörfer ausrücken. Dabei verwandelten sie sich in jene Todesschwadronen, die mit Vorliebe im Morgengrauen Furcht und Entsetzen unter der Zivilbevölkerung säten.

Allein zwischen September 1981 und August 1983 sind im weitläufigen Gemeindebezirk von Rabinal, der damals etwas über 22"000 Einwohner zählte, 4000 bis 5000 Menschen, unter ihnen viele Frauen, Greise und Kinder, ermordet worden. Die Wahrheitskommission schätzt in ihrem Bericht von 1999, dass der Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Guerillagruppierungen und der im Rahmen des Kalten Krieges von den USA massiv unterstützten Armee insgesamt 200"000 Todesopfer gefordert hat. Unumwunden bezeichnet sie das - im Grunde ethnisch bedingte - Morden als Genozid, denn betroffen waren nicht so sehr Angehörige der kriegführenden Parteien, sondern vor allem unbeteiligte Indios.

Ein Museum als Mahnmal

Bert Janssens, ein junger Philologe aus Belgien, der seit ein paar Jahren als Freiwilliger in Rabinal arbeitet, führt den Besucher in das von ihm betreute lokale Museum. Drei Nonnen sitzen vor einem Fernsehgerät und lassen sich aus der Videothek einen Dokumentarfilm über die Greueltaten der Armee während des Bürgerkriegs vorführen. Das Museum, das auch als Dokumentationsstelle ausgebaut wird, ist zu einem Anziehungspunkt für die Bewohner der Region geworden. Es wurde vor Jahresfrist eingeweiht, und nun zählt man pro Monat um die 1000 Besucher, unter ihnen viele Schulklassen. Sie kommen weniger, um die ausgestellten Gegenstände der feinen Handwerkskultur aus der Nachbarschaft zu betrachten. Trauriger Anziehungspunkt ist die "Sala de historia", der Raum, welcher der bis vor kurzem totgeschwiegenen Geschichte des Dorfes gewidmet ist.

Tritt man aus der grellen Sonne in das gedämpfte Licht der alten Schulstube, ist der Eindruck niederschmetternd. Alle verfügbaren Wände des Raumes sind mit mehrfach vergrösserten Passfotos von Opfern tapeziert. Stellwände mussten zusätzlich beschafft werden, um die 350 Schwarzweissaufnahmen aus dem Archiv des örtlichen Zivilstandsregisters unterzubringen. Zu Füssen der Bilder brennen da und dort Kerzen. Familienangehörige sind an Allerheiligen gekommen, um ihrer Toten, von denen sie häufig nicht wissen, wo sie begraben liegen, zu gedenken. Den Bildlegenden kann man entnehmen, dass die meisten Frauen und Männer 1982 bei den Massakern in den Weilern Chichupac, Río Negro und Plan de Sánchez umgekommen sind.

Die Initiative für das Museum ist eine direkte Folge der Friedensverträge. Diese halten fest, ein dauerhafter Friede zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen sowie eine demokratische Gesellschaft seien nur dann möglich, wenn man der Opfer öffentlich gedenke, wenn eine Kultur des gegenseitigen Respekts entstehe, die Vergangenheit aufgearbeitet, die Täter von Verbrechen gegen die Menschlichkeit abgeurteilt, die Hinterbliebenen der Opfer entschädigt und künftig die Menschenrechte beachtet würden.

Massenmörder vor Gericht

Vor allem mit finanzieller und technischer Unterstützung aus dem Ausland sind in den letzten Jahren eine Reihe von Projekten in Gang gekommen, die zur Aussöhnung der tief gespaltenen multiethnischen Gesellschaft Guatemalas beitragen wollen. Dem heiklen Unternehmen der Vergangenheitsbewältigung begegnen die nach wie vor tonangebende Oligarchie, ein Teil der uneinsichtigen Militärkaste, aber auch führende konservative Politiker mit Argwohn oder unverhüllter Obstruktion; diesen Umstand kritisiert vor allem die in Guatemala tätige Friedensmission der Uno mit zunehmendem Unwillen. Trotz allen Hindernissen sind, wie das Beispiel Rabinal zeigt, erste Fortschritte zu verzeichnen. Hier gibt es nicht nur das Dorfmuseum als Mahnmal. Im Armenfriedhof stehen inzwischen die ersten Denkmäler für die Opfer des Staatsterrors unter den Militärdiktaturen. Im Nachbardorf Xococ haben sich die Angehörigen der Ermordeten zu einer Interessenvereinigung zusammengeschlossen, die Dialog und Ausgleich mit den Gewalttätern sucht, aber auch auf Strafe und Wiedergutmachung pocht.

Auch in den guatemaltekischen Gerichtssälen findet Unerhörtes statt. Im Fall eines Massakers im Dörfchens Río Negro, wo im Februar 1982 107 Kinder und 70 Frauen auf grausamste Weise umgebracht worden waren, kam es allen Widerständen zum Trotz zum Prozess. Wenn auch nicht die Drahtzieher der militärischen Operation zur Rechenschaft gezogen wurden, so gelang es 1999, mit der Verurteilung von 3 ehemaligen Angehörigen einer Zivilpatrouille als materielle Täter ein Zeichen zu setzen. Einer der Überlebenden, Jesús Tecu, der zur Zeit der Tat elf Jahre alt war, bedauert im Gespräch, dass weitere 27 PAC-Angehörige weiterhin frei herumliefen. Seit Jahren kämpft er dafür, dass auch andere Fälle aus der Zeit des Bürgerkriegs vor Gericht kommen. Die Hauptschwierigkeit sei, Zeugen dazu zu bewegen, vor dem Richter auszusagen, sagt Jesús. Viele hätten Angst, ihr Schweigen zu brechen, weil die Täter in der gleichen Gemeinde oder im Nachbarort wohnten und mit Rache drohten.

Auf Drängen betroffener Familien sind allein im Gebiet von Rabinal seit dem Friedensschluss Ausgrabungen auf zwei Dutzend geheimen Friedhöfen eingeleitet und 216 Skelette geborgen worden. Federführend ist die private Gerichtsmedizinische Stiftung Guatemalas (FAFG), die vom Entwicklungsprogramm der Uno und von Spenden aus Holland und den USA getragen wird. Den Hinterbliebenen die Reste ihrer toten Angehörigen zurückzugeben und feierlich zu bestatten, sei bei den Mayavölkern von erstrangiger Bedeutung, sagt der junge, in den USA ausgebildete guatemaltekische Anthropologe Fredy Peccerelli, der die Stiftung leitet. Die Mayas lebten sehr eng mit den Toten zusammen, zu ihnen hielten sie ständig eine Verbindung aufrecht. Mit dem anonymen Verscharren der Leichen in Massengräbern werde der für den Einzelnen und die Gemeinschaft wichtige Kommunikationsprozess abrupt unterbrochen. Peccerelli wurde auf Grund seiner Erfahrung bei der FAFG wiederholt vom Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien zu Einsätzen nach Bosnien geholt.

Mangel an Gerichtsmedizinern

Die Ausgrabungen begleitet ein Team von Psychologen, die sich der Angehörigen annehmen. "Die Opfer schreien unter der Erde", sagt eine Frau, deren Eltern bei Rabinal umgebracht wurden. Sind die sterblichen Überreste einmal ausgegraben, sei es nicht immer einfach, den Leuten zu erklären, warum man sie zuerst im Labor untersuchen wolle, sagt eine aus Spanien stammende Mitarbeiterin der inzwischen über 60 Angestellte zählenden FAFG. Die betroffenen Familien befürchteten, die Knochen würden in die USA verkauft oder zu Suppe gekocht und schliesslich durch Tierknochen ersetzt. Um dieser Legendenbildung Einhalt zu gebieten, gebe man den Angehörigen die Möglichkeit, das Labor der Stiftung in der Hauptstadt zu besuchen. Als einer der Anthropologen einmal einer Mayagemeinde seine Arbeit zu erklären versuchte und bildhaft bemerkte, die Gebeine begännen im Labor zu sprechen, zeigten sich Angehörige der Zivilpatrouillen plötzlich sehr interessiert. Sie wollten wissen, was die Verstorbenen gesagt hätten, wohl um herauszufinden, ob man sie als Schergen erkannt habe.

Zu Beginn der neunziger Jahre, als in Guatemala die ersten geheimen Friedhöfe entdeckt wurden, gab es - ähnlich wie in Argentinien, Chile oder Bosnien - im ganzen Land keine Spezialisten für wissenschaftlich geführte Exhumierungen und forensische Untersuchungen. Der amerikanische Gerichtsmediziner Clyde Snow, der sich schon bei Ausgrabungen in Argentinien weltweit einen Namen geschaffen hatte, bildete die ersten Spezialisten aus. Mit einem Jahresbudget von einer Million Dollar werden heute jährlich 60 Grabungen vorgenommen. In ganz Guatemala sind in den letzten Jahren etwa 300 Exhumierungen erfolgt, wobei der Grossteil von der Stiftung betreut wurde. Über 2000 Gebeine wurden gefunden, geröntgt und auf Spuren eines gewaltsamen Todes untersucht. Dass die Arbeit der Gerichtsmediziner nicht überall willkommen ist, zeigen die Todesdrohungen, die Mitarbeiter der Stiftung in jüngster Zeit erhalten haben. Offenbar befürchten Schuldige aus den Reihen der Armee und der PAC, zur Rechenschaft gezogen zu werden, denn die Ausgrabungsprotokolle und die Zeugnisse der befragten Angehörigen, welche die FAFG vorlegt, werden als Beweismittel vor Gericht anerkannt.