Presseschau

Guatemalanetz Bern / Red de Guatemala, Berna

 

NZZ, 8. August 2006

Ausmisten in Guatemalas Augiasstall

In Tonnen von Polizeiakten liegt historischer Sprengstoff

Von unserem Korrespondenten in Zentralamerika, Richard Bauer

Mit internationaler Unterstützung soll in Guatemala eines der umfangreichsten Polizeiarchive Lateinamerikas aus der Zeit des Kalten Krieges der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Archiv kam zufällig vor einem Jahr zum Vorschein und dürfte brisantes Material über Menschenrechtsverletzungen während der Militärdiktaturen enthalten.

Guatemala-Stadt, im Juli

Wie die Jungfrau zum Kind, so kam Guatemalas Ombudsmann am 5. Juli 2005 zu einem der unglaublichsten Aktenfunde in der lateinamerikanischen Geschichte. Aufgeschreckt durch die Explosion eines Munitionsdepots der Armee im Viertel Mariscal Zavala der Hauptstadt Guatemala, meldeten sich besorgte Nachbarn aus einem anderen Quartier, dem Barrio San Antonio. Sie hegten den Verdacht, auch vor ihren Türschwellen liege explosiver Stoff, diesmal in einem Magazin der Polizei. Während Beamte der neu geschaffenen guatemaltekischen Zivilpolizei schleunigst die mit Patronen und Dynamit gefüllten Kisten entsorgten, inspizierte ein Beauftragter des Ombudsmanns die nähere Umgebung. Was dieser hinter verschlossenen Türen in verwinkelten Hallen und muffigen Magazinräumen entdeckte, war nicht weniger explosiv. Er war auf das anscheinend unversehrte Zentralarchiv der Polizei gestossen, von dessen Existenz zuvor niemand etwas hatte wissen wollen.

Minuziöse Kleinarbeit

Seither sind 90 Archivare, Historiker und deren Gehilfen dabei, im Auftrag des Büros des guatemaltekischen Ombudsmannes die Aktenberge zu sichten und vor dem weiteren Zerfall zu retten. Gruppenweise sitzen die Archivarbeiter an langen Tischen in den gleichen Räumen, wo früher Untersuchungsgefangene verhört und möglicherweise gefoltert worden waren. Stapel um Stapel reinigen und klassieren sie die zum Teil beschädigten oder zusammengeklebten Papierstücke. Sie alle tragen Gesichtsmasken und benützen Gummihandschuhe, um sich vor dem Aktenstaub zu schützen. Wie nutzlosen Abfall habe man viele der Dokumente aufgefunden, erzählt Adriana, eine junge Geschichtsstudentin. Sie organisiert in ihrer Gruppe die Aufarbeitung der Personenfichen. Bereits abgeschlossen sei die Bearbeitung des Verbrecherarchivs für die Jahre 1920 bis 1960.

Stück für Stück legen Adriana und ihre Kollegen, in der Mehrzahl Frauen, Totenscheine, Personalkarten, Verbrecherfichen und Anträge für die Ausstellung von Führerscheinen auf den Tisch. Mit einem Pinsel säubern sie die Karteikarten von Staub und Dreck, besonders gründlich die Teile mit den Fingerabdrücken. Die schwarzweissen Passfotos, die in der Regel mit Metallklammern befestigt sind, werden sorgfältig losgelöst und neu aufgeklebt. An anderen Tischen werden im Akkord Aktenbündel auseinander genommen und Blatt für Blatt mit langen Bürsten gereinigt. Dann nähen geübte Hände die Papierstapel mit Nadel und Faden zusammen, um die ursprüngliche Archivordnung zu erhalten. Auf den Ordnern stehen Vermerke wie «Asesinatos» (Morde), «Asaltos varios» (verschiedene Überfälle), «Narcotraficantes» (Drogenhändler) oder «DD.HH.» (Menschenrechte).

Verleugnete Existenz

Ziel der monotonen Ameisenarbeit ist es, alle Dokumente zum Einscannen in eine digitale Datenbank vorzubereiten. So rasch als möglich soll das Archivmaterial für historische Studien, aber auch für die Verfolgung von Menschenrechtsvergehen während der Zeit des Bürgerkriegs von 1960 bis 1996 vor dem Verschwinden gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges fanden in Guatemala 200 000 Menschen den Tod. Betroffen von den Greueltaten und Massakern waren insbesondere unbewaffnete Maya-Indios, welche die Armee als kollektiven Feind des Staates und vermeintliche Helfershelfer der zahlenmässig bescheidenen Linksguerilla bekämpfte. Der Grossteil der Menschenrechtsverletzungen, die bis heute dokumentiert wurden, gehen auf das Konto der Armee. Doch nicht nur Indios wurden verfolgt; Polizei und Militär wüteten auch in den Städten gegen Studenten, Gewerkschafter und Oppositionspolitiker, die gegen das Militärregime mobil machten.

Seit dem Friedensschluss zwischen Regierung und Linksguerilla vor bald zehn Jahren haben sowohl eine Kommission der katholischen Kirche als auch eine von der Uno unterstützte Kommission für die Findung der historischen Wahrheit versucht, Licht ins Dunkel der jüngsten Vergangenheit zu bringen. Zugang zum Polizeiarchiv hatten sie beide nicht. Der damalige Staatspräsident Alvaro Arzú - er ist heute Bürgermeister der Hauptstadt - teilte den offiziellen Wahrheitsfindern der Uno unter dem deutschen Völkerrechtsprofessor Christian Tomuschat schriftlich mit, seiner Regierung sei die Existenz eines solchen Archivs nicht bekannt.

Man schätzt, dass in Regalen, Archivschränken und Dutzenden von Säcken etwa 70 Millionen Dokumentenseiten lagern, weit mehr als etwa in den früher aufgefundenen Polizeiarchiven von Buenos Aires (7 Millionen) oder dem als «Archiv des Terrors» bekannt gewordenen Aktenfund von 1991 in Asunción (500 000 Seiten). In anderen Ländern der Region, etwa in Nicaragua, werden Militär- und Polizeiarchive nach wie vor als Staatsgeheimnisse gehütet. Das älteste bisher gefundene Dokument im guatemaltekischen Polizeiarchiv stammt aus dem Jahre 1896.

Alles andere als ein totes Archiv

Gross war das Erstaunen der Entdecker, als sie feststellten, dass es sich keineswegs um ein totes Archiv handelte. Auf der Gehaltsliste standen zehn Polizistinnen, die rund um die Uhr Anfragen über gestohlene Fahrzeuge beantworteten oder Angaben über steckbrieflich gesuchte Verbrecher zusammensuchten und das Archiv à jour hielten. «Unsere Vorgesetzten wussten, dass es dieses Archiv gibt, nur ausserhalb der Polizei wusste man es nicht», sagt die uniformierte Beamtin, die den Besucher durch ihr Reich führt. Seit 17 Jahren arbeitet sie hier. Auf Fotos will sie nur von hinten aufgenommen, ihr Name soll nicht genannt werden. Ob sie sich bedroht fühlt? Ein bisschen Angst habe sie schon, sagt die tapfere Archivarin, schliesslich gebe es genügend Leute, die kein Interesse daran hätten, dass die Wahrheit ans Licht komme. Bei der Aufarbeitung der Archivbestände leisten sie und ihre Kolleginnen unschätzbare Dienste, denn sie sind es, die in der scheinbaren Unordnung recht genau wissen, wo welche Unterlagen zu finden sind.

Als das Archiv letztes Jahr aufgefunden wurde, sei es unversehrt gewesen, sagt die Beamtin nicht ohne Stolz. Die Archive der Armee, wenn sie überhaupt noch in ihrem Urzustand bestehen, sind in Guatemala ein nationales Tabu. Nach langem Widerstand wurde am Ende der Amtszeit des inzwischen steckbrieflich gesuchten Präsidenten Portillo der berüchtigte Estado Mayor Presidencial, die Präsidentengarde, die für viele Menschenrechtsvergehen verantwortlich gemacht wird, aufgelöst. Bevor dessen Archiv offiziell übergeben wurde, leistete der Papierwolf kräftig Vorarbeit. Damit ist das Polizeiarchiv eine der wenigen noch benützbaren Quellen geworden.

In einer ersten Phase werden vor allem Dokumente aufgearbeitet, die den Zeitraum von 1975 bis 1985 betreffen. Unter den Generalspräsidenten Fernando Romeo Lucas García (1978-1982) und Efraín Ríos Montt (1982/1983) wurden die grössten Menschenrechtsverletzungen begangen. Eine strafrechtliche Verfolgung von General Lucas García wird allerdings nicht mehr möglich sein. Er ist vor kurzem im Exil in Venezuela im Alter von 82 Jahren gestorben.

Feinde zuhauf

Luis Ramírez, einer der führenden guatemaltekischen Strafrechtler, hofft, das Archiv werde Aufschluss über die Beziehungen zwischen Polizei und Militär während des bewaffneten Konflikts geben, als die Armee in der Praxis die Kontrolle der Polizei übernahm. Wie in jedem autoritären System habe es auch in Guatemala eine «Kultur des Registers» gegeben. Straffe, hierarchisch organisierte Strukturen liessen sich nicht im Chaos aufrechterhalten, meint Ramírez. Deshalb hätten die Vorgesetzten von ihren Untergebenen unablässig detaillierte Berichte über Einzelaktionen gefordert. Man wisse, dass die Polizei Guerillakämpfer und deren tatsächliche oder vermeintliche Sympathisanten der Armee überstellt habe, um sie zu foltern. Es sei zu erwarten, dass solche Übergaben im Polizeiarchiv dokumentiert seien. Für Ramírez sind die Dokumente der Polizei auch ein Spiegel der zerstörten Militärakten.

Im vergangenen Mai war in unmittelbarer Nähe der Archivgebäude, wo sich ein Blechfriedhof voller ausgedienter Fahrzeuge der Polizei befindet, Feuer gelegt worden. Der Ombudsmann Sergio Morales denunzierte die vorsätzliche Brandstiftung. Hätte man den Brandherd nicht rechtzeitig entdeckt und das Feuer im Keim erstickt, so wäre seiner Meinung nach ein Teil des Archivs Opfer der Flammen geworden. Rechtsanwalt Ramírez vermutet, es seien vor allem Politiker der extremen Rechten, Militärs und Paramilitärs sowie Angehörige der früheren Nationalpolizei, die sich der Öffnung des Archivs widersetzt hätten (siehe Kasten).

Historische Wahrheit

Die Aufarbeitung des Polizeiarchivs ist keine einfache Operation. Sie dürfte noch Jahre dauern. Das Budget für die ersten zwei Jahre geht von Gesamtkosten von 4 Millionen Dollar aus. Neben Schweden als wichtigstem Geberland beteiligt sich auch die Schweiz mit 100 000 Dollar aus Mitteln des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Zusätzlich wird das EDA auch die Konsulententätigkeit der früheren Obersten Archivarin der USA, Trudy Peterson, finanzieren, die den guatemaltekischen Spezialisten mit Rat und Tat zur Seite steht. Im Herbst soll zusätzlich ein internationales Komitee angesehener Archivare, Historiker und Menschenrechtsexperten gebildet werden, dem auch ein Schweizer Mitglied angehören wird. Erstaunlich wenig Interesse hat bisher die deutsche Regierung an der Arbeit der Archivare in Guatemala gezeigt. Deutsche Entwicklungsexperten bedauern dies, habe man doch bei der Aufarbeitung der Hinterlassenschaft der ostdeutschen Stasi einiges an Fachwissen angesammelt, das Guatemala sehr zustatten käme.

Leiter des Archivs ist Gustavo Meoño, ein altgedienter guatemaltekischer Menschenrechtskämpfer. Er gab seinen Job als Direktor der Stiftung Rigoberta Menchú auf und widmet sich seither mit Leib und Seele der neuen Aufgabe. Schon jetzt, nach einer vorläufigen Bestandesaufnahme, sei klar, dass man auf eine einzigartige Quelle zur Erschliessung der politischen, institutionellen und sozialen Geschichte des Landes gestossen sei, sagt Meoño. In diesen Papieren liege der Schlüssel zur Erklärung, wie die Guatemalteken seien, warum sie so seien und wie ein Polizeistaat wie der guatemaltekische während Jahrzehnten habe funktionieren können.

Ungesühnte Verbrechen

bau. Wem nachgewiesen werden könne, er habe in der Vergangenheit gefoltert, gemordet oder Menschen verschwinden lassen, der müsse nach guatemaltekischem Recht auch heute noch mit Prozess und Strafe rechnen, sagt Rechtsanwalt Ramírez. Die Akten der Polizei könnten dabei sehr wohl als Beweismaterial beigezogen werden. Als Beispiel nennt er den brutalen Polizeiüberfall auf die spanische Botschaft in Guatemala-Stadt am 31. Januar 1980. Eine Gruppe von Quiché-Indios hatte damals das Gelände friedlich besetzt, um gegen die Gewalttaten der Militärs zu protestieren.

Gegen den Willen des spanischen Botschafters Máximo Cajal, der sich rechtzeitig durch eine kühne Flucht retten konnte, setzten Polizeikräfte zum Sturm auf das Gebäude an. Aus ungeklärten Gründen ging dieses in Flammen auf; 39 Personen kamen ums Leben. Unter den Getöteten befand sich auch der Vater der Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú. Sie hat vor der spanischen Audiencia Nacional Klage eingereicht, damit die Schuldigen benannt und bestraft werden. Der spanische Untersuchungsrichter Santiago Pedraz, der dieser Tage in Guatemala Zeugen einvernehmen wollte, rannte gegen eine Betonwand. Das guatemaltekische Verfassungsgericht hiess einen Rekurs des früheren Militärdiktators Efraín Ríos Montt gut, der sich zusammen mit anderen Verdächtigen weigerte, dem spanischen Beamten Red und Antwort zu stehen.