Presseschau

Guatemalanetz Bern / Red de Guatemala, Berna

 

Pfarrblatt, 22. März 2003

 

Fastenopfer-/Brot-für-alle-Aktion 2003 "Verstehen verändert"

"Du Hurensohn, wenn du nicht aufhörst ... "

Der Priester Rigoberto Perez gibt dem tief verwundeten Volk des zentralamerikanischen Landes Guatemala wieder Hoffnung. Das Fastenopfer unterstützt den Pfarrer bei seiner schwierigen und gefährlichen Friedensarbeit in der Diözese El Quiche. "In diesem Haus haben die Militärs gefoltert und gemordet", berichtet Silvia, eine Mitarbeiterin des Fastenopfers in Guatemala. Am Kamin im Wohnzimmer sind noch Pistoleneinschüsse zu erkennen. Seit einigen Monaten wohnt hier Rigoberto Perez, der Pfarrer von Nebaj. Er war gezwungen, das Pfarrhaus zu verlassen, auf das am 21. Februar 2002 ein Brandanschlag ausgeübt worden war. Kurz darauf erhielt der Priester auch noch eine telefonische Todesdrohung: "Du Hurensohn , wenn du nicht aufhörst, zu untersuchen, machen wir dich fertig."

Lebensgefährlich

Warum wird ein Priester, der seiner Arbeit als Seelsorger nachgeht, mit dem Tode bedroht in einem Land, in dem vor gut sechs Jahren nach einem 36 Jahre dauernden Bürgerkrieg offiziell Frieden geschlossen worden ist? Im Hochland von El Quiche ist in den 80er-Jahren etwas Unerhörtes passiert. Eine ganze Diözese wurde aufgelöst. Ihr Bischof und die Priester flohen ins Exil, in höchster Not und auch als Zeichen des Protestes gegen einen grausamen Völkermord, den Guatemalas Armee an der indigenen Bevölkerung beging. Die meisten Dörfer wurden dem Erdboden gleich gemacht. Die Menschen flüchteten in die Berge oder nach Mexiko. Soldaten besetzten das Bistum und quartierten sich in den Gebäuden der Kirche ein, auch im Haus, wo uns Padre Rigoberto zum Abendessen empfängt. "Zu jener Zeit war es lebensgefährlich, Katholik und Katholikin zu sein", erzählt der Priester, der 1966 im Osten des Landes in einer Ladino-Familie geboren worden ist. "Weil sich die Priester, die Katecheten und ihr damaliger Bischof in Guatemalas ärmster Region auf die Seite der unterdrückten Indios stellten, wurden sie als Kommunisten und Sympathisanten der Guerilla verfolgt" Rigoberto zitiert mehrmals die Propheten des Alten Testamentes.

Wahrheitskommission

Die Kirche Guatemalas, die noch in den 50er-Jahren gegen Sozialreformen auftrat und die von den USA inszenierte Antikommunismus-Kampagne unterstützte, verkündete zehn Jahre später unangenehme Wahrheiten. Sie wurden aber nicht gehört, auch von Rom nicht. Dafür mussten später zehntausende von Unschuldigen ihr Leben lassen, darunter hunderte von Katecheten, die nichts anderes taten, als die Soziallehre der Kirche ernst zu nehmen. Guatemalas Kirche ist eine Märtyrerkirche geworden. Kurz nach seiner Priesterweihe wurde Rigoberto Mitarbeiter der bischöflichen Wahrheitskommission, die 1998 in einem vierbändigen Bericht die massiven Menschenrechtsverletzungen in Guatemala dokumentierte. "Der Friede wurde ganz oben beschlossen. Aber die Opfer haben keine Stimme und sind zum Schweigen verurteilt." So versteht Padre Rigo den Sinn dieser Wahrheitsstudie. Hunderte von Zeugen hat der Priester angehört, er liess die Ausgrabung von versteckten Massengräbern vornehmen.

Wahrheit macht frei

Bisher geheime Dokumente, unter anderem auch aus den Archiven der US-Regierung, habe er einsehen können, berichtet der Priester. Rigoberto ist selber ein wichtiger Zeuge geworden. "Es ist möglich, die Schuldigen herauszulesen. Nichts war spontan, alles war geplant und gewollt. Die Täter, vor allem die geistigen Drahtzieher, haben Angst vor denen, welche die Wahrheit und vor allem die Täter kennen. Doch die Wahrheit muss ans Licht kommen, damit Versöhnung und schliesslich Frieden möglich werden. Nur die Wahrheit macht frei." Solche Aussagen zu machen, ist in Guatemala aber immer noch gefährlich. Die Verantwortlichen für den Krieg sind weiterhin an der Macht. Ein wichtiger Zeuge der Vergangenheit, der Vorsitzende der Wahrheitskommission und ehemalige Bischof von Quiche, Juan Gerardi, ist zwei Tage nach dem Erscheinen der Dokumentation, am 28. April 1998, ermordet worden. Die Verantwortlichen dieser Bluttat sind bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Am 19. Dezember 2002, wenige Tage nach unserem Zusammentreffen mit Padre Rigoberto, ist ein Kronzeuge im Fall Gerardi erschossen worden. - Es ist ein Wunder, dass der mutige Pfarrer von Nebaj noch am Leben ist.

Roman Berger, Fastenopfer