Guatemalanetz Bern / Red de Guatemala, Berna

 

Interview mit Teresa de Jesus Rafael Cardona und Anselmo Roldan Aguilar 

20. November 2001

Bericht als PDF (besser les- und druckbar,
und mit Fussnoten: 4 Seiten)

 

Zusatzinformationen zum Interview

Die beiden Interviewpartner Teresa de Jesus Rafael Cardona und Anselmo Roldan Aguilar wurden von HEKS für einen längeren Aufenthalt (30.10.-19.11.01) in die Schweiz eingeladen. Das Besucherprogramm wurde vom Guatemala-Netz Bern organisiert und koordiniert. Die beiden Gäste, beide für HEKS- Partnerorganisationen im Ixcán tätig, hatten dabei die Gelegenheit in diversen Kirchgemeinden vor allem der Region Bern, aber auch in anderen Institutionen, persönliche Kontakte zu knüpfen und ihre Anliegen vorzubringen.

Beide Gäste stammen aus dem Dorf Cuarto Pueblo, Ixcán, das am 14. März 1982 Schauplatz eines schrecklichen Massakers war. Beide sind Ende 1982, Beginn 1983 zuerst in die Berge, dann nach Mexico, Chiapas, geflüchtet. Von dort aus wurden sie dann in ein Flüchtlingslager im Norden von Mexiko transferiert, nach Quintanaro, wo sie bis zur ersten kollektiven Rückkehr im Jahr 1993 blieben.

Förderpreis für Guatemala-Netz Bern

Madleine und Ruedi Rumpf vom Guatemala-Netz Bern wurden kürzlich für ihre jahrelange Aufbauarbeit mit dem diesjährigen Förderpreis der Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit der evangelischen Kirchen der Kantone Bern und Jura (OeME) mit einem Förderpreis von 5000.- ausgezeichnet, die der Arbeit des Netzes zu Gute kommen werden.

Erstes Interview mit Anselmo Roldan Aguilar

Anselmo Roldan, in welchen Organisationen sind Sie tätig?

Ich bin Präsident der Menschenrechtsvereinigung der Region Ixcán (ADHAI).. Sie wurde 1997 gegründet und arbeitet im Bereich der 5 Kooperativen Los Angeles, Pueblo Nuevo, Xalbal, Cuarto Pueblo und Mayalan. Ausserdem bin ich Präsident der Asociación Justicia y Reconciliacion (AJR), der Vereinigung "Gerechtigkeit und Versöhnung", welche in Zusammenarbeit mit der nationalen guatemaltekischen Menschenrechtsorganisation CALDH vor zuständigen nationalen Gerichten und wenn dies ohne Resultate bleibt, auf internationaler Ebene, Anklage gegen die Verantwortlichen für die Massaker im Jahr 1982 erhebt.

Was tut die Menschenrechtsvereinigung ADHAI?

Eine der wichtigsten Tätigkeiten war die Förderung von Exhumierungen. Diese Arbeit konnte praktisch abgeschlossen werden. Aber es stehen immer noch Arbeiten, im Zusammenhang mit den Exhumierungen, an (Ausstellung von Totenscheinen für die im Krieg Verstorbenen, administrative Arbeiten). Heute bestehen unsere Aktivitäten in der Region Ixcán vor allem darin, Menschenrechtsverletzungen anzuzeigen, die Umsetzung der Friedensverträge zu überwachen und Leute in den Gemeinden zu begleiten, die bei uns um rechtlichen Beistand bitten. Im weiteren haben wir zum Ziel, unsere Arbeit mit anderen Sektoren der Gemeinde zu koordinieren, unter anderem mit den Lehrern und der Leitung der Kooperative. Wir kümmern uns aber auch um Dienstleistungen für die Gemeinde, wie die Trinkwasserversorgung.

Ab 1999 integrierten wir uns zusammen mit mehreren Gemeinden in die AJR, um auch auf nationaler Ebene für Gerechtigkeit und Versöhnung und gegen die Straflosigkeit zu kämpfen. Zuerst wurde General Lucas Garcia und dessen oberste Befehlshaber (3. Mai 2000) von 9 Gemeinden und dann auch Ex-General Rios Montt (6. Juni 2001), derzeitiger Präsident des Kongresses, von 11 Gemeinden des Völkermordes angeklagt. Am 12. September 2001 haben wir uns entschlossen, dass die beiden Fälle in einer kollektiven Klage von der AJR getragen werden. Heute gehören der AJR 22 Gemeinden an, und wir sind offen für weitere Gemeinden, die sich uns anschliessen möchten.

Wie reagieren Kreise um Rios Montt auf diese Klage?

Der Versuch von Rios Montt und Militärs, die Staatsanwaltschaft (Ministerio Publico) wieder vermehrt unter ihre Kontrolle zu bringen, dürfte eine Strategie sein, sich vor diesen Anklagen zu schützen.

Welche Art von Menschenrechtsverletzungen geschehen zur Zeit in der Region Ixcán? Von wem werden sie begangen?

Die grössten Probleme im Bereich Menschenrechte in der Region Ixcán, sind wie zu Zeiten vor den Friedensverträgen die Verletzungen der Rechte der Zivilgesellschaft auf freie politische Partizipation, die freie Meinungsäusserung, die Vereinsfreiheit, wie sie in der nationalen Verfassung gewährleistet wären. Diesbezüglich hat sich hier fast nichts verändert. Die ehemaligen Zivilpatroullien (PAC), die heute in der Region Ixcán unter verschiedenen neuen Bezeichnungen auftreten, so im Fall Cuarto Pueblo als Freundschafts-Komitees (Comités de Amistad), stören und verhindern die Ausübung dieser Rechte.

Mit welchen Strategien tun sie das?

Ich spreche jetzt für Cuarto Pueblo. Hier geschah das schlimmste Massaker der Region und hier ist die Situation auch heute noch am schlimmsten. Mitglieder der Freundschaftskomitees schüchtern die Menschen ein und drohen sie umzubringen, falls sie an Versammlungen teilnehmen. Sie fragen, warum die Leute in diesen Organisationen teilnehmen. Das seien doch Organisationen der Guerilla. Auch gewisse politische Parteien wie die ANN seien doch von der Guerilla. Sie wollen nicht, dass sich die Menschen organisieren. Ausserdem versprechen sie Infrastrukturprojekte für ganze Gruppen oder konkrete Zahlungen an einzelne Personen. So kamen sie vor etwa drei Jahren auch bei mir ins Haus, boten mir Geld an und versprachen, mich in Ruhe zu lassen, wenn ich meine Aktivitäten bleiben lasse und mich auf ihre Seite stelle. Sie und die Leute wüssten, was früher passiert sei, das müsse man ihnen nicht noch sagen. Es ist nicht einfach, sich diesen Angeboten zu entziehen. Häufig wird aber auch ganz einfach versprochen und dann nicht eingehalten.

Vor etwa 2 Monaten kamen auch Mitglieder der Armee in Cuarto Pueblo vorbei. Sie machten Umfragen bei den Leuten. Sie organisierten zivile Aktivitäten. Sie zeigten Propaganda-Filme, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erlangen. Sie befragten auch die Lehrer, wie sie und was sie unterrichten. Sie befragten die Ladenbesitzer, wie es mit der ökonomischen Situation aussehe. Auch beim Menschenrechtsverein von Cuarto Pueblo kamen sie vorbei. Für uns ist das nicht seltsam. Sie machen das, um auf lokaler Ebene Informationen zu erhalten und um die Leute zu kontrollieren.

Was kann Ihre Vereinigung dagegen unternehmen?

Was wir tun können ist, die Aktivitäten der Ex-PAC und jene der Armee anzuzeigen und zu verlangen, das die Armee die Rolle spielt, die ihr auf nationaler Ebene zugedacht ist. Auch bei Landkonflikten, wo Ex-PAC involviert sind, erstatten wir Anzeige. So beispielsweise beim Fall Los Cimientos. Diese Anzeigen gehen an den Friedensrichter in Playa Grande. Nur bei wichtigen Fällen gelangen wir an das Gericht in Cobán oder sogar an Gerichte der nationalen oder in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen sogar auf internationaler Ebene, ansonsten zeigen wir auf lokaler Ebene an. Wir informieren auch MINUGUA, die Ombudsstelle für Menschenrechte, und die Pastoral Social der katholischen Kirche, mit welcher die Zusammenarbeit sehr gut ist. Wenn es nötig ist veranstalten wir mit all diesen Institutionen gemeinsame Sitzungen, um das weitere Vorgehen zu evaluieren. Wenn notwendig, halten wir auch Versammlungen zusammen mit Militärs.

Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht also darin, die sehr geschwächte und durch die Aktivitäten der Ex-PAC auseinander dividierte zivile Gesellschaft zu stärken und Kooperation zu fördern. Es bestehen, mitunter wegen der Aktivitäten der Ex-PAC, sehr viele Konflikte zwischen Gruppen aber auch zwischen Familien und zwischen Nachbarn, was meiner Meinung nach das grösste Problem im Ixcán darstellt. Wir orientieren die Leute u.a. auch in Workshops, über ihre Rechte und dass es ihnen freisteht, in welcher politischen Organisation sie sich engagieren möchten.

Gibt es konkrete Verbindungen zwischen den Freundschafts- Komitees und der Armee?

Die Kontakte zwischen den Komitees und der Armee sind in Cuarto Pueblo offensichtlich. Mitglieder der Komitees nehmen beispielsweise an Versammlungen und Orientierungen in der Militärzone teil. Die Ex-Zivilpatroullien erhalten dort Anweisungen, wie sie vorgehen sollen. Viele von ihnen handeln nicht gemäss ihrer eigenen Initiative, sondern werden von der Armee dazu angestiftet.

Häufig treten Soldaten und Ex-PAC bei ihren Aktivitäten gemeinsam auf. Die konkreten Bedrohungen und Einschüchterungen, stammen aber meistens von den Freundschaftskomitees, so auch bei uns in der Menschenrechtsvereinigung. Ich selber wurde dieses Jahr Opfer eines versuchten Attentates. Zuerst wurden Morddrohungen ausgestossen, dann geschah die Schändung des historische Denkmals zur Erinnerung der Opfer der Massaker und zuletzt wurde ich attackiert an Leib und Leben attackiert. Dies alles geschah in einer sehr logischen Reihenfolge. Die Person die mich angriff kenne ich gut. Sie war früher selber Mitglied des Menschenrechtsvereins und ist möglicherweise durch Zahlungen oder sonst wie auf die andere Seite gezogen worden. Übrigens, nach dem Attentat bekam ich nur kurze Zeit Schutz von MINUGUA und war danach wieder fast auf mich allein gestellt. Es sind aber internationale Friedensbeobachter bei uns, die für unsere Arbeit sehr wichtig sind.

In einer Veranstaltung habe Sie von Dialogsuche ihrer Vereinigung mit den Freundschaftskomitees gesprochen. Wie kann man sich dies vorstellen?

Zusammen mit MINUGUA versuchen wir diesen Dialog zu erreichen. MINUGUA setzt dabei den Termin für eine Versammlung und dann treffen wir uns und versuchen mit Vertretern der Komitees zu sprechen. Dies ist aber ein schwieriges Unterfangen.

Was sind weitere wichtige Aktivitäten Ihrer Vereinigung?

Wir kämpfen seit längerem für die Einrichtung eines Bezirksgerichtes der ersten Instanz für die Region Ixcán. Bis heute fehlt uns ein solches Gericht. Der Richter der in der Bezirksbehörde für den Bezirk Ixcán arbeitet, ist völlig überlastet. Bis heute gibt es keine Gerechtigkeit im Ixcán. Für diese Gerechtigkeit kämpfen wir. Es kam zwar zu kleinen Verbesserungen seit Abschluss der Friedensverträge, aber die Situation ist immer noch praktisch dieselbe wie zu Zeiten des internen Konfliktes.

Ich denke, dass wir damit einen Einblick in Ihre sehr wichtige Arbeit erhalten haben und bedanke mich herzlich für dieses Gespräch.

2. Interview mit Teresa de Jesus Rafael Cardona

Teresa de Jesus Cardona, in welcher Organisation arbeiten sie und welche Funktionen haben sie?

Ich bin Koordinatorin der Frauenorganisation AMPI, die nach der Rückkehr vieler Frauen aus dem Exil im Jahr 1993 gegründet wurde. Seit 1999 hat AMPI einen offiziellen juristischen Status. Mit AMPI arbeiten wir in 15 Gemeinden der Region Ixcán und haben 300 Mitglieder. Ebenfalls bin ich Präsidentin des Kreditvereines (Banco comunal) der AMPI-Frauen in Cuarto Pueblo, dem zur Zeit 41 Frauen angehören.

Was sind zur Zeit die prioritären Aktivitäten bei AMPI? Welche Ziele verfolgen Sie?

Unser wichtigstes Ziel ist es, mit produktiven Projekten (Seifen, Shampoo, Konfitüren u.a.) Einkommensquellen für die Frauen zu schaffen. Wir haben das Ziel, unsere Aktivitäten zu einem Kleinbetrieb auszuweiten, und eine Marktstudie ist zur Zeit im Gange. Sieben der 15 Gemeinden sind an diesem grösseren Projekt beteiligt. Das Ziel wird sein, in jeder dieser sieben Gemeinden ein Produktionslokal zu schaffen, die Produkte aber gemeinsam zu vermarkten.

Ausserdem möchten wir unsere Vereinigung stärken und vor allem auch die Frauen bezüglich der Herstellung der einzelnen Produkte ausbilden aber auch zu vermehrter Beteiligung in den Gemeinden befähigen. Dazu gehören auch Workshops zu Menschenrechten und allgemeiner Bildung. Damit können wir unsere Arbeit verbessern und können uns in unseren Gemeinden für unsere Rechte wehren und unsere wirtschaftliche Situation selbständig verbessern. Der Machismo ist ein Problem. Die Situation hat sich etwas gebessert aber die Frauen sind nach wie vor stark isoliert. Ohne die Beteiligung der Frauen ist aber kein Entwicklung möglich.

Auf welche Widerstände stossen Sie bei ihrer Arbeit von Seiten der Männer? Wie wirken sich die Aktivitäten der sogenannten Freundschaftskomitees in Cuarto Pueblo auf ihre Organisation aus?

Zuerst gab es viel Probleme und starke Divisionen, aber dann haben wir als Frauen realisiert, dass wir die Fähigkeiten haben als Frauen eine Arbeit zu machen. Wir haben uns organisiert. Wir haben uns stark in den Gemeinden verankert. und deshalb haben wir heute viel weniger Probleme. Die Zusammenarbeit mit den örtlichen politischen Behörden ist gut, vor allem auch mit dem Bürgermeister der Region Ixcán, Marcos Ramirez.

In AMPI machen wir auch Gesundheitsarbeit in den verschiedenen Gemeinden, und da laden wir auch Männer von öffentlichen Behörden, aber auch von den Freundschaftskomitees ein, um zusammenzuarbeiten. Damit gibt es keine grösseren Probleme, weder im Ixcán noch auf gesamtregionaler Ebene. Neben den produktiven Projekten führen wir aber auch Ausbildungen zu Menschenrechten, Alfabetisierung, Hebung des Selbstwertgefühles der Frauen (Autoestima).... durch, und da können auch Frauen teilnehmen, die nicht AMPI Mitglied sind.

Und auch bei diesen Aktivitäten gibt es keine Konfrontationen mit den Freundschaftskomitees?

Sie wissen manchmal gar nicht, was wir hinter den wirtschaftlichen Projekten sonst noch so alles machen, und wenn sie es wissen und bei uns vorbei kommen, dann wissen wir uns zu wehren. Deshalb ist es so wichtig, die Menschenrechte zu kennen und das, was in der guatemaltekischen Verfassung steht. Ich beispielsweise konnte solche Sachen im Exil in Mexiko lernen. Wenn sie also kommen, denn sagen wir, was unsere Rechte sind, und sie haben keine Chance mehr, uns gegeneinander aufzubringen. Früher gab es das, aber heute viel weniger. Es gibt auch heute noch schwächere Gemeinden, wo diese Taktik der Ex-PAC immer noch verfängt, aber deshalb ist es ja so wichtig, unsere Organisation noch stärker in den Gemeinden zu verankern. Neuerdings besteht ein neues Projekt, uns mit anderen Frauenorganisationen der Region Ixcán besser zu vernetzen. Mit der Unterstützung vom Bürgermeister Marcos Ramirez ist ein Büro zur verbesserten Koordination der Arbeit der Frauenorganisationen in der Region Ixcán geplant. Auch führen wir einen Kurs für Promotorinnen aus ganz Guatemala durch, der sich u. a. mit der Geschichte und den Rechten der Frauen beschäftigt und sowohl die individuelle (psychische Gesundheit) als auch die Stärkung der Organisation der Frauen auf nationaler Ebene zum Ziel hat. Dies sind unsere derzeitig wichtigsten Aktivitäten. Die Arbeit ist sehr streng und wir müssen dazu häufig um 3:00 morgens aufstehen und kommen erst um 23:00 ins Bett, weil wir neben AMPI auch noch für unsere Familien schauen müssen. Wir müssen stundenlange, beschwerliche Fusswege auf uns nehmen, aber wir machen das, weil wir von der Wichtigkeit unserer Arbeit überzeugt sind. Ohne Partizipation der Frauen ist keine Entwicklung möglich.

Ich möchte mich vielmals für das Interview bedanken und wünsche alles Gute und viel Kraft beim weiteren Kampf für die Rechte der Frauen im Ixcán und in ganz Guatemala.

Für die Interviews: Martina Greiter, Guatemala-Netz Bern 20. 11. 01